Zwischen Lesehäppchen und Lampenfieber

Was tun, wenn vor der Lesung das Schwitzen beginnt und die Zeit knapp wird? Ein ehrlicher Blick hinter die Kulissen eines intensiven Lesemarathons.

Geschafft: Viermal hintereinander eine knapp halbstündige Lesung vor jeweils 40 bis 50 Jugendlichen. Kein eigenes Buch habe ich vorgestellt, sondern ein spannendes Jugendbuch. Die Initiatorin des Lesefestes, Sabina Kratt, hatte mir zwei Titel vorgeschlagen und ich habe mich nach einigem Hin und Her für die spannendere Lektüre entschieden, passte besser zur Altersgruppe.

Die Nacht davor habe ich schlecht geschlafen, stattdessen gedöst und viel gelesen, um mich vom Grübeln abzulenken. Am schlimmsten waren die Schwitzanfälle, sowas habe ich sonst nie, höchstens, wenn ich mal fiebrig krank bin und das ist lange her. Ich glaube, das Schwitzen kam vom Lampenfieber – ist ja auch eine Art von Fieber. 

Dabei war ich ziemlich gut vorbereitet. Zwar auf dem letzten Drücker, weil ich Ewigkeiten nicht in die Puschen kam, aber dann ja, ich bin zufrieden. Es hat sich auch gelohnt, den Samstag davor vier Stunden lang an einem Online-Workshop zur optimalen Vorbereitung öffentlicher Lesungen teilzunehmen. Schließlich habe ich zu meinen eigenen Geschichten einige Lesungen vor, nicht nur nur zu meinen Kurzgeschichten für ein erwachsenes Publikum, was ich schon kenne, sondern auch zu meinem Leni-Lachs-Buch vor Grundschulklassen. Dafür war dieses Rottweiler Lesefest die beste Vorbereitung. 

Der Workshop hat mir kurz vor knapp einen Motivationsschub verpasst: Ich wusste nun, was zu tun war. Wie ich die Lesung am besten beginne. Dass ich zuallererst die Zuhörerschaft für mich gewinnen muss. Sie dahin kriegen, dass sie mir quasi an den Lippen kleben. Dafür muss ich sie verzaubern, sie in meinen Bann ziehen. Das klappt nicht nur übers Lesen. Auch mit noch so toller Betonung und Intonation wird es sonst ab einem gewissen Punkt langweilig. 

Besser mit freier Rede beginnen – Horror für mich, aber ich habe mich durchgerungen und mich mit einem Spickzettel auf dem Handy durchgemogelt. Mich vorstellen, etwas ganz Persönliches von mir rüberbringen, was mich mit dem Buch und mit dem Publikum verbindet. Es hilft, schon am Anfang rhetorische Fragen in die Runde zu stellen, um möglichst alle in die Geschichte hineinzuziehen. Dann führe ich erzählend in das Buch hinein und lese mein erstes Lesehäppchen. Es folgt eine Überleitung in mündlicher Rede, dann wieder ein Lesehäppchen, mündliche Rede, Lesehäppchen. Zuletzt beende ich das ganze mit offenen Fragen, die dazu anregen, das Buch weiterzulesen. So jedenfalls habe ich es nun gemacht und es hat sich bewährt. Sogar einige Lehrerinnen haben sich daraufhin das Buch gekauft und ich bekam viel positives Feedback sowohl von den Jugendlichen als auch von Lehrerinnen. 

Wie schon erwähnt, hatte ich mein Handy bei diesem Lesemarathon voll im Einsatz. Nicht nur mit Stichworten für die freien Redebeiträge, auch die vorzulesenden Buchtexte hatte ich auf dem Handy dabei. Zwar hatte ich im Vorfeld einiges dafür abzutippen, allerdings tippe ich schneller als ich denken kann. Zudem konnte ich beim virtuellen Text die direkte Rede der verschiedenen Figuren farblich unterschiedlich markieren, ebenso die zu betonenden Worte. Das schön gestaltete Originalbuch hätte niemals so beschmieren wollen. Vor allem ist ein Smartphone für mich viel handlicher als ein Buch, es ist leichter und ich kann es lesend mit nur einer Hand halten.

Eine Sache will ich bei meiner nächsten Lesung anders machen: Insgesamt will ich mir für meine Worte mehr Zeit nehmen, langsamer sprechen, nicht hektisch werden. Hoffentlich hat es außer mir niemand bemerkt, dass ich mich unter Zeitdruck fühlte – aus Sorge, die Lesung nicht rechtzeitig abschließen zu können. Das nächste Mal plane ich bewusst mehrere mögliche Abschlüsse ein, sodass ich gegebenenfalls einen oder mehr Lesungsblöcke auslassen kann und die Lesung trotzdem rund wirkt. 

So, das waren für mich die wichtigsten Erkenntnisse aus der Lesung. Da ich weiß, dass einige Leser*innen meines SchreibBLOGs selbst auch schonmal Lesungen vorzubereiten haben, teile ich meine Erkenntnisse hier sehr gerne und freue mich über Ergänzungen und Feedback. 

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Mit SchreibZeit die Leichtigkeit des Schreibens entdecken

Zwei Tage, ein Raum, viele Texte: Natalie Hahn zeigt im Interview, wie ein klug gestalteter Rahmen Blockaden löst, Ideen freisetzt und Schreibende in den kreativen Flow führt.

Jannechie: Liebe Natalie, zur einfühlsamen Leitung von Schreibwerkstätten haben wir nicht nur die gleiche Weiterbildung absolviert, inzwischen bieten wir ein ähnliches Konzept, das stark von den herkömmlichen Kursen und Workshops abweicht. Magst du deinen Ansatz in deinen Worten zusammenfassen?

Natalie: Erst einmal möchte ich mich herzlich für Dein Interesse an der SchreibZeit bedanken. Die Idee dafür ist aus einem Mangel entstanden, aus der Beobachtung meines eigenen Schreibens und dem Austausch mit Anderen. Ich hörte mir und anderen zu, den Klagen über die Anstrengung, die es Kreativen abverlangt, kontinuierlich und diszipliniert dranzubleiben. Schreibend suchte ich nach dem perfekten SchreibRaum mit unterstützender Atmosphäre zwischen anregender Stille und zurückhaltender Anregung. Dann stieß ich auf Judith Wolfsbergers Memoir „Schafft Euch Schreibräume!“, für mich eine Offenbarung! Daraufhin konzipierte ich die SchreibZeit und fand mit der Melanchthon Akademie einen Bildungsträger in Köln, der die Idee verstand und förderte. An zwei Tagen hintereinander eröffne ich quasi ein Schreibatelier. Die unterschiedlichsten Menschen verabreden sich unter meiner Anleitung mit ihrem Schreibprojekt, ob Kurzgeschichte, Lyrik, Roman oder wissenschaftliche Hausarbeit. Ich initiiere den Schreibprozess, die Gruppe gestaltet ihn mit. Durch die Methoden, Schreibzeiten und Feedbackrunden entsteht eine Stimmung, die die Kreativität und den Schreibfluss fördert. 

Jannechie: Lustig, wie wir auf unterschiedlichen Wegen zu ähnlichen Ergebnissen gekommen sind. Der Unterschied unserer Angebote liegt in der Veranstaltungsdauer und -regelmäßigkeit. Meine Workshops finden einmal im Monat für 2 bis 3 Stunden statt, deine als mehrtägige Schreibzeit – ganz schön lang! Wie ist so Dein Angebot strukturiert, damit keine Längen aufkommen?

Natalie: Ja, mein Angebot sind Intensivtage. Am Anfang gab es die SchreibZeit nur zum Jahresbeginn. Dieses Jahr biete ich das Seminar dreimal an: im Januar, Juni und November. Das Format gibt mir als Schreibbegleiterin Zeit, den Raum der Inspiration zu eröffnen und zu halten. Mit Warmschreibübungen und einer Runde zur Vorstellung der verschiedenen TextWerke oder Ideen, die die Teilnehmenden mitgebracht haben. Das ist mir wichtig, da immer der Prozess im Mittelpunkt steht. Es gibt einen sich wiederholenden Wechsel zwischen Schreibphasen, Austausch, Beratung und Wertschätzung. Dieser Prozess ist intensiv und daher als Zweitagesseminar perfekt.

Jannechie: Für Warmschreibübungen steht im Schreibcafee weniger Zeit zur Verfügung. Dafür gibt es monatlich neue Schreibimpulse, passend zu den Projekten. Wer mag, nutzt sie, um leichter ins Schreiben zu kommen. Ansonsten klingt der Verlauf erfreulich ähnlich, wobei die Schreibenden in zwei Tagen mit ihren Projekten bestimmt viel weiterkommen als in zwei Stunden. 

An solchen Schreibtagen brauchen die Teilnehmenden vermutlich mehr Pausen. Wie verbringen sie die? Sollten alle sich selbst etwas zu essen und zu trinken mitbringen? 

Natalie: Die Melanchthon Akademie versorgt uns mit Wasser, Kaffee, Tee und Keksen. Die Mittagspause lädt dazu ein, mal raus zu gehen und sich in der Südstadt etwas zu Essen zu holen oder einfach an der frischen Luft zu bewegen. Pausen sind sehr wichtig für die Inspiration und den Schreibfluss. 

Jannechie: Bewegung zwischen den Schreibphasen ist eine super Idee. Da kommt mir eine andere Frage. Nicht alle sind so schreibbegeistert wie wir. Was ist mit Leuten, die nicht so gern schreiben, das aus den unterschiedlichsten Gründen aber tun müssen? Die vielleicht sogar unter einer Schreibblockade leiden?

Natalie: Bisher hat sich niemand angemeldet, der oder die nicht gern schreibt. Obwohl die SchreibZeit das Potential hat, Menschen zu unterstützen, ins Schreiben zu finden. Wenn sie zum Beispiel eine wissenschaftliche Hausarbeit erarbeiten müssen. Ich verwende Methoden, die aktivieren, die die verschiedenen Schreibphasen verdeutlichen. Damit kann gezielt entschieden werden, wo und wie anzufangen ist. Die SchreibZeit ist für alle Genres offen, das ist das Spannende für die Gruppe: Weil der Schreibprozess im Fokus steht, können alle etwas mitnehmen.  

Jannechie: Dem kann ich nur zustimmen. Was ist aber mit Leuten, die mal wieder ins Schreiben kommen wollen, denen es an Ideen mangelt? Oder solchen, die eine Idee mitbringen, denen aber die Herangehensweise fehlt, um sie umzusetzen?

Natalie: Durch meine Erfahrung und ständige Weiterbildung bin ich in der Lage, die Teilnehmenden zu unterstützen, Impulse zu setzen, falls sie keine konkreten TextWerke oder Ideen mitbringen und sich Beratung wünschen. Ich höre zu und versuche im Dialog herauszuarbeiten, was von ihnen geschrieben werden möchte. Alle erleben, dass der feste Rahmen an sich inspirierend ist. Die Methoden helfen, Entscheidungen zu treffen. In den Schreibfluss finden sie dann fast wie von allein.

Schreibbegleiterin Natalie Hahn (Foto: privat)

Jannechie: Da höre ich wieder unsere fundierte Weiterbildung in Hückeswagen heraus, sehr sympathisch! Was, wenn Schreibende bei der SchreibZeit auf den Geschmack kommen und weiterschreiben wollen? In Standardkursen schreiben meist alle zum selben Thema. Was machen jene, die sich beim Schreiben nichts vorschreiben lassen wollen und denen es daheim zum Schreiben zu einsam ist oder zu unruhig mit 1000 Ablenkungen?

Natalie: Diese Fragen sind ebenfalls Teil meines Angebots – bzw. das Finden von Antworten darauf für sich. Im Erleben und Beobachten des eigenen Schreibprozesses lernen die Teilnehmenden sich besser kennen. Damit können sie auch ihren Weg ins Schreiben finden, wenn die gemeinsame SchreibZeit in der Melanchthon Akademie vorbei ist.

Jannechie: Klingt gut. Welche Art von Projekten sind in deinen Schreibzeiten entstanden bzw. haben sich dort weiter entfaltet?

Natalie: Von Roman über Kurzgeschichten, Essays bis Lyrik war alles dabei. Natürlich schreibt niemand in zwei Tagen einen Roman. Die SchreibZeit hilft, den Fokus zu setzen. Eine Teilnehmerin arbeitete sogar an einer Homepage und nutzte das Seminar, um ihre Vision davon inhaltlich zu entwickeln. Das „(End-)Produkt“ ist für mich nachrangig, die Ermutigung steht im Mittelpunkt meiner Arbeit. Mir ist es ein Anliegen den Schreibprozess in Gang zu bringen, erfahrbar zu machen, was hilfreich ist, um kreativ sein zu können. Und das hat bisher immer funktioniert, was natürlich auch mit der Gruppe zu tun hat und der Motivation des*der Einzelnen sich einzubringen.  

Jannechie: Wunderbar vielfältig, was es bestimmt auch für dich als Kursleiterin umso interessanter macht. Welches war dein schönstes Schreibzeit-Erlebnis?

Natalie: Das schönste Erlebnis war zugleich das Schlimmste: Durch kurzfristige Absagen schrumpfte die Gruppe vor dem Start so, dass ich mich fragte, ob so noch ein Gemeinschaftsgefühl entstehen würde. Doch ich vertraute auf mein Konzept und die Methoden. Das Ergebnis: Die drei Teilnehmerinnen haben es genossen, intensiv an ihren TextWerken zu arbeiten. Sie haben sich sehr offen über ihre Texte ausgetauscht und zurückgemeldet, dass diese Tiefe gerade durch die kleine Gruppe möglich wurde. Ich sammle bei all meinen Seminaren Glücksmomente ein und freue mich über die Vielfalt der Begegnungen, der Texte und die Zufriedenheit, die alle mitnehmen, weil sie sich die Zeit für sich und ihre Kreativität genommen haben. 

Jannechie: Oh ja, je kleiner die Gruppe, desto intensiver ist der Austausch. Doch auch das tollste Seminar hat ein Ende. Betreust du deine Teilnehmenden hinterher weiter? Wenn sie beispielsweise eine Motivationsspritze brauchen? 

Natalie: Falls ich Fragen im Rahmen des Seminars nicht ausreichend beantworten kann, reiche ich die Antworten per Email nach. Darüber hinaus verweise ich gern auf die Angebote anderer Schreibtrainer*innen. Alles, was Schreibende vorwärtsbringt und was ich kenne, empfehle ich gerne weiter. So wie Dein Angebot. Damit der Prozess weitergehen, das TextWerk fortgeschrieben werden kann. Und natürlich freue ich mich Teilnehmer*innen wiederzusehen, was schon ein paar Mal passiert ist, weil sie erlebt haben, wie wertvoll die zwei Intensivtage für Ihr Schreiben waren. 

Jannechie: Schön, dass Netzwerken uns beiden so wichtig ist. Deshalb dieses Interview, das mich motiviert, mich zu deiner SchreibZeit am 19. und 20. Juni anzumelden. Freue mich aufs Wiedersehen, auf die zwei schreibintensiven Tage und bin gespannt. Vielen lieben Dank für das informative Gespräch!

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Muttertagsgedicht

Die Kerze auf dem Tisch

Flackert und brennt. Die Flamme 

hell und wohlgeformt,

lebendig wie du.

Ich seh deine Augen,

voll Hoffnung und Leid.

Gehofft hast du

auf deine Kinder.

Du liebtest Schönheit.

Durch meine Augen siehst du

die Tulpe im Garten,

das Spiel der Kinder.

Heut ist Muttertag, für dich:

Die Kerze auf dem Tisch.

Du bist bei mir, in mir,

nicht heute, immer!

(Text: Jannechie, Foto: Pixabay)

Trude Teige: Als Großmutter im Regen tanzte

REZENSION. Der Titel an sich und die Empfehlung meiner Lieblingsbuchhändlerin haben mich bewogen, dieses Buch zu lesen – danke für den Tipp, liebe Sabina. Ich konnte die spannende Familiengeschichte zwischen Norwegen und Deutschland kaum aus der Hand legen. Zugleich habe ich so einiges über die Deutsch-Norwegische Nachkriegsgeschichte erfahren.

Der auf zwei Zeitebenen erzählte Roman rankt sich um das Schicksal einer Mischehe, die aus der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs hervorgegangen ist. Norwegerinnen, die sich in deutsche Wehrmachtssoldaten verliebten, wurden nach dem Krieg als Landesverräterinnen gebrandmarkt, gesellschaftliche geächtet, entrechtet, interniert und teilweise ausgebürgert. Eine von ihnen war die im Regen tanzende Großmutter.

Ihre Enkelin Juni ist die Heldin des aktuellen Handlungsstrangs (um 2014). Als deren Ehe eskaliert, flieht sie auf eine Insel in das Haus der verstorbenen Großeltern. Dort entdeckt sie ein Foto, das ihre Großmutter Tekla als junge Frau, im Regen tanzend und glücklich verliebt mit einem unbekannten deutschen Soldaten, zeigt. Wer ist dieser Mann, der ihrem Großvater überhaupt nicht ähnelt? Die Frage lässt Juni nicht los, weitere kommen zu: Warum war ihre Kindheit überschattet von den Streitigkeiten zwischen ihrer Mutter Lilla und ihrer Großmutter Tekla? Warum agierte Lilla in der Familie wie eine Außenseiterin, die selbst mit den eigenen Brüdern nicht klarkam? Und warum hat Juni nie erfahren, wer ihr Vater ist? Antworten sucht und findet sie in Großmutters Vergangenheit, im Nachkriegsdeutschland. 

Der zweite Handlungsstrang erzählt Teklas Geschichte kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Als „Deutschenmädchen“ geächtet und von der eigenen Familie verstoßen, begleitet sie ihre große Liebe, den deutschen Soldaten Otto Adler, in dessen Heimat Demmin, in Vorpommern. Was die beiden dort erwartet, ist grauenhafter als alles, was Tekla sich je hätte vorstellen können. 

Besonders beeindruckt hat mich der Kontrast zwischen dem guten Leben, das Tekla während des Krieges in Norwegen geführt hatte, und dem Elend, das sie nach dem Krieg in Deutschland sah und selbst erlebte. Nachrichtenbilder von Russlands aktuellem Überfallkrieg suggerieren, dass das Leben in der Ukraine mit Einschränkungen normal weitergeht. Für einen Teil der Bevölkerung mag das zutreffen. Vielen wurde aber alles genommen, was ihr Leben lebenswert machte. Der Roman „Als Großmutter im Regen tanzte“ verändert den Blick auf solche Nachrichtenbilder – das ist richtig und wichtig.

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Mit Fight & Write innen und außen stark

INTERVIEW. Fight & Write (F&W) – die Kombi aus körperlicher Selbstverteidigung und Kreativem Schreiben im VHS-Programm klang für mich so speziell, dass ich mehr darüber erfahren wollte. Kursleiterin Mailin Rieck erklärte, dass es beim F&W unabhängig von Alter, Kraft und Fitness darum geht, Mut zu fassen, Grenzen zu ziehen und Ideen frei fließen zu lassen. In ihren Workshops kannst du herausfinden, wie stark du bist, mit deinem Körper beim Kämpfen und mit deinen Worten beim Schreiben. Die Mischung aus Action und Nachdenken macht ihre Kurse und Workshops spannend und lebendig. Neugierig? Dann lese im Interview, warum ihr Konzept bei Jugendlichen und Erwachsenen gut ankommt.

Jannechie: Wie bist du auf die Idee gekommen, die Gegensätze des körperlichen Kämpfens mit dem doch eher kopflastigen Schreiben zu verbinden? 

Mailin: Die Idee hört sich nur gegensätzlich an, tatsächlich gibt es viele Überschneidungen bei dem, was Schreib- und Kampftrainer*innen ihren Teilnehmenden jeweils vermitteln. In beiden Disziplinen geht es darum, einen eigenen Standpunkt zu vertreten – im Kampfsport mit Körpereinsatz, beim Schreiben mit Worten. Dabei hilft es sehr, eigene und fremde Gedanken zu lesen und Gruppendynamiken erkennen zu können. Auch das übe ich jeweils mit meinen Teilnehmenden. Und sowohl im Kampfsport als auch beim Schreiben brauchst und entwickelst du Kreativität und Intuition. 

Jannechie: Wer profitiert von deinem Angebot am meisten?

Mailin: Alle, unabhängig von Alter, Geschlechtsidentität, Fitness, Lebenssituation, Herkunft. Alle Teilnehmenden können hier ihre körperliche und sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten entdecken und erweitern. Sie lernen Grenzen zu setzen und auf ihr Bauchgefühl zu hören.

Von den Kursinhalten und dem Wechsel zwischen körperlichen Übungen, Reflexion und Schreibsessions profitieren zurückhaltende Menschen ebenso wie Extrovertierte. Bei allen kommt im Laufe des Kurses Mut zum Vorschein. Grundsätzlich ist der bei uns allen vorhanden, bei vielen anfangs nur versteckt. 

Zwar mache ich aus den Teilnehmenden weder Kämpfer*innen noch Bestsellerautor*innen, aber ich vermittele das Wissen, dass sie es grundsätzlich können, wenn sie es wollen.

Jannechie: Gibt es Beschränkungen hinsichtlich des Alters und der Fitness? Wie profitieren eher unsportliche, bewegungsfaule Teilnehmende?

Mailin: Sämtliche körperlichen Übungen beim F&W haben zum Ziel, sich mit minimalem Einsatz selbst behaupten zu können. Im körperlichen Teil vermittle ich deshalb nur Techniken, für die Kraft, Beweglichkeit und Kondition nicht notwendig sind. Viele Senior*innen und Menschen mit Einschränkungen konnten somit erfolgreich bei mir teilnehmen. Beim F&W sind alle Menschen ab acht Jahren willkommen. Acht Jahre, weil wir ab diesem Alter in der Regel sicher genug mit Worten umgehen können. 

Jannechie: Bei einer Literaturveranstaltung hörte ich neulich, viele Jugendliche, vor allem Jungs, lesen und schreiben viel zu wenig. Wie kann F&W mehr junge, eher schreibfaule Menschen fürs Lesen und Schreiben begeistern? 

Mailin: Durch die Kombination von Fight mit Write ist dieses Konzept auch interessant für Personen, die weniger schreib- und dafür mehr kampf- und sportbegeistert sind. 

Bei den Schreibsessions in meinen Workshops geht es nämlich nicht um Perfektion, sondern darum, die Kreativität frei laufen zu lassen. Das Schreiben zielt auf Kreativität statt auf Orthographie und Grammatik. Gezielte Schreibimpulse tragen dazu bei, aus Jugendlichen Kreativität und Ideen herauszukitzeln, sodass Fantasien und Ideen von alleine kommen. Bislang gab es in meinen Kursen und Workshops nicht eine Person, die keine brillante Story auf Papier gebracht hat, auch wenn sie anfangs vielleicht skeptisch war.

Jannechie: Mit welchen Anliegen buchen dich Schulen?

Mailin: Meistens werde ich für Projekte und Projektwochen gebucht. Häufig mit dem Ziel, das Teamgefühl in den Klassen zu stärken, Stichwort Gruppendynamik und Peer-Pressure. Oft geht es auch um Prävention, vor allem in sozialen Brennpunkten. Ziel ist es, Gefahren frühzeitig zu erkennen und zu wissen, an wen die Schüler*innen sich im Ernstfall wenden können. Für Grundschulkinder wird in diesem Zusammenhang gern auch ein Heimwegtraining angefragt. 

Jannechie: Und wo bietest du F&W Erwachsenen und älteren Semestern? Welche Institutionen buchen dich und warum? 

Mailin: Tatsächlich habe ich an Schulen auch mal nur mit den Lehrkräften trainiert und geschrieben. Auch der „Bund gegen Rechts“ hat mich für seine Aktivist*innen gebucht, die Stadtverwaltung, das Jugendamt, einige Volkshochschulen. Bei den Workshops für Erwachsene geht es oft darum, Teamgeist und Resilienz zu stärken. Um innere Ruhe und Kraft, trotz Termindruck. 

Darüber hinaus war ich in Frauenhäusern aktiv, ebenso in Bars für Homosexuelle, um den vielen Übergriffen etwas entgegenzusetzen. Hier ging es um sichere Räume und Bystander-Training. Letzteres befähigt Menschen dazu, in diskriminierenden, problematischen Situationen aktiv einzugreifen. Wir üben gemeinsam, wie man angemessen, sicher und solidarisch bei Diskriminierung, Gewalt oder Übergriffen reagiert, ohne sich selbst oder andere zu gefährden. 

So unterschiedlich wie die Institutionen, die mich buchen, gestalte ich auch meine Kurse. Ich gehe gern auf Wünsche ein. Alles kann ich individuell auf die Bedürfnisse in der jeweiligen Institution abstimmen, Abläufe umstellen und um weitere Inhalte ergänzen.

Jannechie: Was war dein schönstes F&W-Erlebnis?

Mailin: Das war in einem Frauenhaus in Berlin. Dort hatten meine Teilnehmerinnen und ich extreme Sprachbarrieren zu überwinden. Jede hat in der eigenen Muttersprache geschrieben und mit Stimme, Händen und Füßen in der Runde vorgelesen. Allein dadurch entstand schon ein besonderes Miteinander. Mimik und Gesten und ein Übersetzungstool trugen zum Verstehen bei, vor allem aber die Motivation der Frauen, ihre Freude und Dankbarkeit. Der Satz einer Teilnehmerin, auf Arabisch vorgetragen, dann mit Online-Translator übersetzt, macht mir noch heute eine Gänsehaut: „Mein Zuhause ist überall, wo ich mich sicher fühle.“ Diese Frauen sind durch die Hölle gegangen, doch hier fühlten sie sich sicher und konnten sogar wieder lachen.

Jannechie: Wie geht’s für die Teilnehmenden weiter nach dem Workshop?

Mailin: Nachsorge ist sehr wichtig. Die Teilnehmenden erreichen mich deshalb auch nach Ablauf des Workshops jederzeit, wenn sie Fragen haben oder nochmal drüber sprechen wollen. 

Zudem lasse ich mir immer wieder mal etwas Neues einfallen. Manchmal lasse ich die Teilnehmenden einen Brief an sich selbst schreiben, den ich ihnen dann Monate später zuschicken. Aus den im Workshop geschriebenen Texten ist auch schon manch ein Büchlein entstanden. Es erinnert die Teilnehmenden daran, was sie an dem Wochenende geschafft haben, dass sie an sich und ihre Fähigkeiten glauben dürfen.

Jannechie: Und wie geht es für dich weiter? Hast du weiterführende Ideen? 

Mailin: Ich wachse mit meinen Teilnehmenden. Seit ich meinen Trainerschein zu Achtsamkeit und Resilienz habe, nehme ich Elemente aus diesen Fortbildungen mit in die Workshops und ergänze das Angebot um die mentale Komponente. Für ganzheitliche Stärke von innen nach außen. Das Wissen hilft auch mir, nochmal einen viel stärkeren Blick auf die Workshop-Teilnehmenden zu haben und ihre Bedürfnisse zu erkennen.

10. Im Vorfeld war ich nur neugierig, jetzt hast du mich überzeugt. Wie könnte ich als Privatperson mal bei einem deiner F&W-Workshops teilnehmen? 

Mailin: Melde dich an, wenn mich mal wieder zum Beispiel eine Volkshochschule gebucht hat. Dazu kannst du beitragen, indem du dort meine Workshops empfiehlst :-) Ansonsten werde ich mit F&W hauptsächlich firmenintern oder institutionell für ganze Teams gebucht. Wende dich gerne an deine Arbeitgeber*innen, dort gegebenenfalls an die Personalentwicklung, wenn du Lust auf einen F&W-Kurs in deinem Arbeitsumfeld hast. Hier erreichst du mich: www.fightandwrite.de, Email: hallo@fightandwrite.de, Telefon/Whatsapp: 0176 31711328.

Es ist mir eine Ehre, nun auf deinem Blog zu sein. Ich habe mich sofort mit dir wohlgefühlt. Ich danke dir sehr für dein Interview und die tollen Fragen, liebe Janny.

Jannechie: Auch meinerseits danke für den netten Austausch. Ich halte dein F&W-Workshop-Angebot für absolut sinnvoll und wichtig, es sollte viel mehr Beachtung finden. Deshalb hoffe ich, mit unserem Interview dazu beizutragen, dass viel mehr Menschen dein Angebot kennen und nutzen.

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Julie Otsuka: Wovon wir träumten

REZENSION. Die Geschichte über Japanerinnern, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts in die USA auswanderten, ist komplett in der Wir-Form geschrieben. Diese permanente Wir-Form auf gut 160 Seiten macht den Roman einzigartig und irritierend. Gab es Japanerinnen damals nicht als Einzelpersonen? Aus wessen Sicht nicht und warum nicht? Die Antworten finden sich in der Geschichte. 

Abweichend von den Lobeshymnen zum 2012 veröffentlichten Roman empfand ich durch die ständige Wir-Form mehr Distanz zu den handelnden Figuren. Sie erschienen mir beliebig. Als Leserin lebte und fühlte ich – zunächst – weniger mit. Denn erst das Schicksal eines Individuums packt mich – so dachte ich, während ich den ersten Teil des Buches las. 

Dann las ich, wie das Japanische Kollektiv in den USA zunehmend bedroht wurde. In unzähligen Aufzählungen zeigt die Autorin, wie die Japanerinnen und ihre Familien jeweils damit umgingen. Einerseits nervten mich die vielen Aufzählungen und Wortwiederholungen und ich war geneigt, ganze Seiten nur noch zu überfliegen. Andererseits entwickelte die Aneinanderreihung von Einzelschicksalen einen Lesesog, der mich durch die schlaflose Nacht trug. 

Am nächsten Morgen war das Buch ausgelesen. Das Schicksal dieser Japanerinnen und ihrer Familien und die Gleichgültigkeit der anderen hingen mir nach und ich musste recherchieren, was damals wirklich passiert ist. Fündig wurde ich auf Wikipedia, wo auch dieser Roman und seine Autorin fundiert beschrieben werden. Tatsächlich beschreibt der Roman ein Stück Amerikanischer Geschichte, von dem ich bislang nichts wusste, auch wenn ich es hätte ahnen können. Zurück bleibt ein trauriges Gefühl, Mitgefühl mit diesen Menschen und mit Menschen auf der ganzen Welt, die aus den verschiedensten Gründen dachten, eine neue Heimat gefunden zu haben. 

Es heißt „Geschichte wiederholt sich“, doch ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass wir aus der Vergangenheit lernen, um die Fehler der Vergangenheit eben nicht zu wiederholen. Um aus der Vergangenheit lernen zu können, brauchen wir Bücher wie Otsukas „Wovon wir träumten“. Das Buch sollte Schullektüre sein, vor allem in den USA und in den zunehmend autoritär wählenden Regionen Europas.

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Welcher Jeck bist du?

KARNEVALSKOLUMNE. In Kölle gibt es verschiedene Arten von Karnevalsjecken. Solche, die sich das ganze Jahr über auf den kollektiven Frohsinn freuen. Die auch außerhalb der Karnevalssaison Hits von Brings, den Black Fööss und den Höhnern hören und dabei sogar mitsingen. Die spätestens im Herbst mit den Vorbereitungen für die nächsten Kostüme beginnen. Mit einem einzelnen Outfit für die tollen Tage gibt diese Art sich nicht zufrieden. Da braucht es mehr: etwas Neckisches für Weiberfastnacht, etwas Warmes für Zooch und Straßenkarneval. Ebenso etwas Exotisches für Sitzungen und Partys sowie Dramatisches für die Nubbelverbrennung. Nächtelang kreieren und schneidern diese Jecken Verkleidungen, die es so noch nicht gegeben hat.

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Mutmach-Lyrik über Demenz und die Suche nach Würde

INTERVIEW. In ihrem Buch „Bedingungslos“ verwandelt Autorin Brigitte Tuchborn die letzten Jahre mit ihrer demenziell erkrankten Mutter in poetische Miniaturen voller Zärtlichkeit, Schmerz und Erkenntnis. Im Gespräch erzählt sie, wie Schreiben für sie zum Anker wurde – ein Weg, Trauer zu verwandeln, Nähe neu zu entdecken und das Schweigen der Krankheit in Sprache zu übersetzen.

Jannechie: Regelmäßig „musstest“ du aus der Gedichtsammlung vorlesen, an der du die letzten Jahre im Schreibcafee gearbeitet hast. Wir anderen aus der Gruppe hingen dabei begeistert an deinen Lippen. Die Rede ist von „Bedingungslos“, einer gut strukturierten Sammlung von Miniaturen. Sie fassen die letzten Jahre deiner demenziell erkrankten Mutter in Worte. Warum hast du dieses Buch geschrieben, wie kam es dazu?

Brigitte: Als ich bemerkte, eher spürte, dass sich meine Mutter demenziell verändert, war ich überfordert. Mein Leben war anstrengend, schön doch anstrengend, in dem ich kaum für eine gesunde Mutter auf Distanz Zeit hatte. Und dann wurde sie krank. Ich wusste nicht wo ich mich lassen konnte, mit meinen Fragen, Sorgen und Ängsten. Durfte ich wütend sein auf diese Frau, die es mir und uns beiden schwer gemacht hatte, und mit der ich plötzlich nicht mehr auf Augenhöhe war? Brachte ich mich genug ein, wobei ich ihren Erwartungen eh nie gerecht wurde? Wohin mit mir, wenn ich nachts wach lag, da ich sie telefonisch nicht erreicht hatte, und die Schreckensszenarien durch mein Bett spazierten?
Schreiben half, assoziatives Schreiben, hemmungslos und unzensiert.
Irgendwann fing ich an zu verdichten, für mich die Essenz zu finden, die passenden Worte, entdeckte einen roten Faden, und vor allem einen Sinn. Und konnte mich darüber anderen mitteilen.

Jannechie: Ich kann mir vorstellen, dass der Entstehungsprozess sehr schmerzhaft für dich war, schließlich handelt es sich um eine fortschreitende Krankheit, an der deine Mutter letztlich gestorben ist. Was hat dich motiviert, weiter dran zu bleiben? Und was hat es dir persönlich gebracht? Würdest du diesen Schreibprozess auch anderen empfehlen, die sich in ähnlichen Lebenslagen befinden?

Brigitte: Ohne das Schreiben hätte es mich zerrissen. Wenn ich meine Mutter besuchte, hielt ich auf dem Rückweg an, oft beim Kloster Maria Laach, wo ich am Brunnen in der Gärtnerei saß, und schrieb. Das war unglaublich erleichternd und befreiend. Die Probleme waren nicht weg, meine Verzweiflung fand Worte, die einiges klärten. Prioritäten wurden Klar, Blickwechsel waren auf dem Papier möglich.

Für mich ist Schreiben das Mittel der Wahl, und das ist sicher einen Versuch wert.
Wichtig ist, glaube ich, etwas zu finden, was einen innehalten lässt. Das kann Schreiben sein, Bewegung, Austausch mit anderen – da gibt es kein Rezept, das findet jeder für sich.

Jannechie: Für wen hast du das Buch verfasst? 

Brigitte: Die Idee mit dem Buch kam viel später. Erst war es eine Unmenge an Material, ein Sammelsurium an Erinnerungen. Das Schreibcafee war ein guter Ort, zu sichten und zu verdichten. Ich fand Zuhörerinnen, die das freundliche Feedback verinnerlicht haben, und die mich ermutigten, weiter zu schreiben. Und dann war es deiner Hartnäckigkeit zu verdanken, mich damit zu zeigen, dass ich den nächsten Schritt wagte.

Jannechie: Wer sollte dein Buch lesen und warum? Aufgrund deines Wissens zur Poesie- und Bibliotherapie und deiner Erfahrungen aus der Pflege: Wem kann ich das Buch guten Gewissens schenken und wer sollte besser die Finger davon lassen? Warum?

Brigitte: Viele Menschen kommen auf die ein oder andere Art mit Demenz in Kontakt. Manche lassen sich von meinen Worten berühren, und finden Trost darin, und das finde ich besonders schön, dass sie mit ihren zum Teil unaussprechlichen Erfahrungen nicht alleine sind. 
Und andere finden womöglich keinen Zugang, und legen es eh dann gleich wieder aus der Hand. 

Jannechie: Wie ist die Sammlung entstanden? Magst du den Entstehungsprozess beschreiben?

Brigitte: Beim Ordnen des Materials, konnte ich verschiedene Zeiten ausmachen, aus denen dann die Kapitel entstanden. Das tat gut und war ein wichtiger Schritt. 
Leben mit Demenz ist eine geballte Ladung an Gefühlen. Kein Kontakt ist planbar, und es ist schwer, sich darauf einzulassen, und statt zu verzweifeln Gelassenheit zu üben.

Jannechie: Im Schreibcafee konnten wir nicht genug kriegen von deinen Gedichten. Magst du hier was daraus zitieren?

Brigitte: Sehr gerne! Ein wichtiges Ritual bei meinen Besuchen war, dass ich meiner Mutter die Hände badete, eincremte, die Nägel schnitt und lackierte. Vor der Demenz beschränkte sich unser Körperkontakt auf Begrüßungs- und Abschiedsfloskeln. Wir hatten eine angespannte Beziehung, da brauchte ich für mich Distanz im Kontakt. Über das Ritual kamen wir uns näher, und genossen es beide.

BERÜHRUNGEN

Ich creme und massiere deine Hände,

und du lässt es geschehen

So habe ich deine Hände noch nie gesehen.

So habe ich deine Hände noch nie berührt.

Meine Finger entdecken Neuland.

Spüren behutsam alten Schwielen nach.

Glätten für den Moment Falten.

Umkreisen vorsichtig verdickte Gelenke.

hören zu vom Halten und Aushalten,

hören mit vom Zupacken und dem Griff ins Leere.

Und finden Antwort.

(Brigitte Tuchborn)

Jannechie: Danke fürs Teilen! In dem Gedicht lieferst du zusätzlich Ideen für mehr gemeinsame Quality Time. Gut, dass du diese Perlen endlich veröffentlicht hast. Warum im Selfpublishing?

Brigitte: Ganz einfach, kein Verlag war interessiert. Ich bekam nette Absagen, Lyrik ließe sich nicht verkaufen. Zu Weihnachten bekam ich einen Gedichtband geschenkt, 365 Gedichte. Für jeden Tag ein altes, irgendwie und -wo bekanntes, damit ist anscheinend Kasse zu machen. Fast nur alte Männer zu überholten Themen. Da frag ich mich, wenn die Verlage sich nicht trauen, und neue Impulse setzen, geht die alte Leier weiter. Dabei gibt es so viel zu entdecken! Ich wünschte mir einen Gedichtband mit einem Gedicht für jeden Tag, mit Rupi Kaur, Kae Tempest, Karoline Marliani und wie sie alle heißen, Gegenwartslyrik vom Feinsten!
… das war jetzt gar nicht deine Frage, oder?

Jannechie: Doch, wie ich dich verstehe, war und ist das Selfpublishing für dich ein Weg, den immer noch patriarchal geprägten Buchmarkt zu umgehen. Wenn Virginia Woolf und ihr Mann sich 1917 keine eigene Druckerpresse angeschafft hätten, würde der Lesewelt Essenzielles fehlen. Heute ist es so viel einfacher, eigene Texte zu veröffentlichen. Oh ja, ich teile deinen Wunsch und bleibe zuversichtlich, schließlich sind wir Frauen die lesende Mehrheit. 

Zurück zu deiner Lyrik, wo kann ich dein 75-seitiges Hardcover-Buch zu welchem Preis erwerben?

Brigitte: In jedem Buchladen und im Netz, das Bändchen hat eine ISBN-Nummer, über die es angefordert werden kann.
Die 16 Euro, die es kostet hat epubli festgelegt

Jannechie: Und wo finden wir weitere Gedichte und Texte von dir?

Brigitte: Das meiste in meiner Schreibtischschublade, haha.
2024 wurde ich Vierte beim Putlitzerpreis mit „himbeerrot“ . In dem Band „Visionen – unsere Heimat und unsere Welt neu denken“  bin ich auch vertreten.
Und Haikus in „eine Hand voll Glück“, da habe ich 2019 mit meiner Knastschreibgruppe an einem Wettbewerb zum Thema Glück teilgenommen

Jannechie: Was für ein Glück, Schreiben tut uns allen gut! Wer aber so eine schöne Schreibe hat, sollte unbedingt am Stift dranbleiben – was ist dein nächstes Projekt, oder gibt es sogar mehrere?

Brigitte: Einiges ist im Entstehen, noch nicht wirklich greifbar.
Doch vor allem tauche ich in das Leben und auch die Zeit meiner Großmütter ein. Sammle Geschichten und Erinnerungen, und bin fasziniert, was sich zeigt. Das will ich für meine Familie schreiben, doch wer weiß, was draus wird.

Jannechie: Wir bleiben gespannt! Herzlichen Dank, dass du dir für dieses Interview Zeit genommen hast. Deine Antworten informieren, trösten, inspirieren, motivieren, wie die Texte, die ich von dir kenne.

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Leni Lachs im Strom der Zielgruppen: Wie eine Tiergeschichte zum Kinderbuch wurde

Mutige Fische und eine spannende Geschichte, die quasi von selbst entstand. Von der Idee zum liebevoll gestalteten Kinderbuch – erlebe mit, wie „Leni Lachs“ sich wandelte vom Impuls-Text zum Vor- und Mitlesevergnügen für Grundschulkinder und tierliebende Erwachsene. Ein Blick hinter die Kulissen ...

„Wer soll das lesen, Kinder oder Erwachsene?“ Die Worte unserer Dozentin Regina Schleheck beim Literaturlabor Leverkusen trafen ins Schwarze. Ich starrte sie an wie Leni Lachs vor einem Riesenraubfisch. Leni war die Hauptfigur der Tiergeschichte, die ich soeben vorgelesen hatte. Na ja, ihr Name klang tatsächlich nach Kinderbuch. Dabei war mir die Short Story zum vorgegebenen Motto „Wassergeister“ aus den Fingern geflossen, weil eine Fernsehdokumentation über Bären und Lachse mich am Vorabend schwer beeindruckt hatte. Noch am selben Abend hatte ich weiter recherchiert, weil ich bis dato von diesen tierischen Helden keine Ahnung gehabt hatte. An Kinder als Zielgruppe hatte ich nicht gedacht, weder bei der Recherche noch beim Schreiben. An gar keine Zielgruppe hatte ich gedacht, nur an diese selbstlosen, mutigen Fische und ihre natürlichen Feinde. 

Beim nächsten Literaturlabor berichtete meine Tischnachbarin Cornelia Schade von ihren Enkelkindern, wie sie sich beim Vorlesen für Leni und ihren Freund Sören Salm begeistert hatten. Cornelia, Kunstlehrerin und Grafikerin, schlug vor, gemeinsam ein Kinderbuch daraus zu machen. Coole Idee, dachte ich, warum auch nicht? Wir unterteilten die Kurzgeschichte in Portionen, zu denen sie daheim bunte Bilder malen wollte. 

Bei unserem nächsten Treffen im Café Goldmund präsentierte sie mir ihre Kunstwerke. Wow, sie sind wunderschön! Schmunzelnd berichtete sie mir, dass ihre Enkelin sich kürzlich geweigert hatte, ein Fischbrötchen zu essen, denn „Es könnte mit Leni oder Sören belegt sein!“ Der große Bruder hatte daraufhin erklärt, dass Lachse sowieso gefressen würden, wenn nicht von ihr, dann von einem anderen Tier. 

Oh je, dachte ich, wie werden die Eltern damit umgehen? Cornelia brachte mir schonend bei, was die Mutter der Kinder von der Leni-Lachs-Geschichte hielt: grausam, gruselig, grenzwertig. 

Nun ja, kindgerecht war sie tatsächlich nicht. Schrittweise passte ich die Vorlesegeschichte stilistisch und inhaltlich der Grundschulkinder-Zielgruppe an. Zum Schluss machte ich aus dem offenen Ende sogar ein Happy End, das Kinder lieben und das auch meine Seele streichelt. Ob die Veröffentlichung meines ersten Kinderbuches ebenfalls zum Happy End führt? Cornelia, ihre Enkelkinder und ich hoffen es!

Noch ist das Buch im Druck. Warum ich mich speziell bei „Leni Lachs“ fürs Selfpublishing entschieden habe, erzähle ich ein andermal. Es bleibt spannend … 

Das Beitragsbild habe ich übrigens Cornelias vielen Entwürfen entnommen. Tatsächlich sieht das Cover inzwischen ziemlich anders aus. Wie es aussieht, zeige ich hier, wenn das Buch fertig gedruckt ist.

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Maud Ventura: Mein Mann

REZENSION. Wie hat dieses Debüt mit einer mir unsympathischen Hauptfigur mich dazu gebracht, zwei Nächte hintereinander mehr zu lesen als zu schlafen? Auf 240 Seiten erzählt sie von ihrem Vorstadtleben in einem Traumhaus mit Traumfamilie und Traumjob. Dabei zieht sie die Leserschaft tief in ihre Gedankenwelt hinein und gibt Einblicke, die zunehmend Risse in die perfekte Fassade reißen. Es sind diese Risse, die mich fesselten und immer wieder erstaunen ließen.

Der Roman erzählt im Präsens aus der Sicht einer Ehefrau, die mit ihrem Leben rundum glücklich sein könnte. Sie hat einen gutaussehenden, erfolgreichen Ehemann, den sie über alles liebt. Hinzu kommen drei Kinder, die sich gut vertragen, ein sicherer Lehrerinnen-Job und ein Nebenjob als Übersetzerin. Sie wohnen in einem gepflegten Vorort in einem schönen Haus und sie kann shoppen, ohne aufs Geld zu achten.

Das Innenleben der Ich-Perspektive nimmt mehr Raum ein, als ich es von anderen Ich-Erzählungen her kenne. Alle anderen Figuren, auch „ihren Mann“, betrachtet die Protagonistin aus der Distanz. Beim Lesen bist du also die ganze Zeit in der Gedankenwelt dieser Frau gefangen, deren Unzufriedenheit und Handlungsweisen schwer nachvollziehbar sind. Kinder hat sie nur ihm zuliebe. Nur wegen ihm verhält sie sich so, wie eine gute Mutter sich verhalten sollte. Das fällt ihr schwer und es nervt sie. Auch mit Freunden trifft sie sich nur ihm zuliebe. Viel lieber wäre sie mit ihm allein auf einer einsamen Insel. Ihr ganzes Leben scheint sich nur um ihn zu drehen.

So nach und nach zeigt die Fassade dieser liebenden Ehefrau Risse. Es sind diese Risse und was aus ihnen wird, die mich haben weiterlesen lassen, auch wenn die Protagonistin mit ihren krankhaften Hyperanalysen nervte. Und dann reißt die Fassade ein und du kannst kaum glauben, was du liest, auch wenn alles logisch und nachvollziehbar erscheint. Alles hat so unschuldig begonnen und nun denkst du, das Drama ist nicht mehr zu toppen. Und du fragst dich, wie die Autorin das Ganze doch noch toppt und zuletzt kommt alles anders, als du es dir gedacht hast – wow! 

Ist der Roman ausgelesen, wirkt er auch noch nach – zumindest bei mir.  Beim Spaziergang fragte ich mich, wie Liebende sich so sehr voneinander entfremden können. Ich tippe auf eine gestörte Kommunikation des literarischen Paares. Statt Probleme anzusprechen sucht die Protagonistin für sich allein nach Lösungen. Alles wird für sich verarbeitet statt gemeinsam. So wird die Distanz zwischen den beiden immer größer, es sei denn … Nein, ich spoilere hier jetzt nicht. Lest selbst, vor allem das Ende lohnt sich ;-)

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