Gute-Laune-Schreibimpuls

Novemberblues? Ich kann mehrere Liedchen davon singen. Wenn auch noch ein Lockdown hinzukommt, dann … Nichts dann! Der Blues wird dieses Jahr nicht grau, ich denke ihn mir himmelblau! Mit Sonnenschein und Regenbogen am Himmel, rote Himbeeren und Tomaten im Garten, Freude und Freunde im Herzen. Immer wieder mich dran erinnern, mich aufraffen, an die frische Luft gehen, allein oder zu zweit spazieren, vielleicht telefonieren. Mich in Geduld üben, Neues ausprobieren, den Mut nicht verlieren. Deshalb schreibe ich, Tag für Tag – für mich allein im stillen Kämmerlein sowie gemeinsam in geselligen Schreibrunden. Schreiben hilft, probier‘s aus! 

SCHNELLER SCHREIBIMPULS: Eine Liste geht immer! Wie wär’s mit einer Liste nach Art des obigen Listengedichts von Bertold Brecht (1954)? Was sind deine kleinen Freuden des Alltags? Denke nicht lange darüber nach. Lese dir Brechts Gedicht langsam vor, höre dir dabei selber zu. Schließe kurz die Augen und dann schreibe deine persönlichen Vergnügungen in einem Rutsch herunter, als wenn du eine Einkaufs- oder To-Do-Liste schreiben würdest. Bewerte nichts. Jedes Vergnügen, das dir beim Schreiben durch den Kopf geht, hat es verdient, aufgeschrieben zu werden. Lege die Liste beiseite und lese sie dir erst später nochmal durch, am besten laut, damit du seinen Klang wahrnimmst. Jetzt erst darf du hier und da etwas streichen oder ergänzen.

Behalte dein Vergnügungsgedicht in Griffweite, damit du es ergänzen und du dir damit den Alltag immer wieder versüßen kannst ;-)

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Der Wal und das Ende der Welt

REZENSION. Richtig gute Bücher lese ich Langsam-Leserin viel zu schnell. So auch dieses 544 Seiten starke Buch, für das ich leider nur wenige Tage gebraucht habe. Tatsächlich habe ich es mir wegen des Wals auf dem Buchcover und im Titel gekauft. Dabei spielt der Wal in dem Roman nur eine – allerdings wichtige – Nebenrolle. Vom „Fest des Wales“ im abgelegenen St. Piran im Cornwall berichtet der Autor John Ironmonger schon im Prolog. Mit dem Wal, der ebendort in Küstennähe gesichtet wird und später strandet, beginnt auch die Geschichte. Ebenso mit einem an Strand gespülten bewusstlosen, nackten Mann. Zusammenhänge lassen sich erahnen. Später zeigt uns der Autor, dass alles miteinander zusammenhängt.

Der nackte Mann namens Joe Haack wird von den Dorfbewohnern gerettet und versorgt. Joe rettet mit Hilfe der gemeinsam anpackenden Dorfbewohner den gestrandeten Wal. Die Idylle im Dorf ist bedroht vom Weltgeschehen. Nur Joe weiß davon. Als Analyst hat er in London ein Computermodell entwickelt, das die Zusammenhänge komplexer Systeme wie der Wirtschaft erkennt. Ein Modellfehler hat seinem Arbeitgeber so viel Geld gekostet, dass Joe ins Meer geflohen ist. Die vom Programm prophezeiten Zusammenhänge reichen allerdings bis nach St. Piran. Joe will die Menschen im Dorf vor der Gefahr beschützen und fühlt sich dabei zunächst belächelt. Am Ende ist er der Held, der sie alle vor dem Untergang rettet. Bereits im Prolog werden seine späteren Heldentaten gefeiert. Für mich macht das die Geschichte nicht weniger spannend. Zudem bildet der Hinweis einen schönen erzählerischen Rahmen und macht anfangs neugierig, wie es zum jährlichen „Fest des Wales“ gekommen ist. Geschrieben ist der Roman in einer angenehmen, gut lesbaren Sprache. Insgesamt wirkt er absolut fiktiv, leicht philosophisch und sehr gut recherchiert.

Die Figuren kommen alle gleichermaßen schrullig und liebenswürdig rüber. Immerhin ist keine von ihnen nur gut oder nur böse. Allerdings sind es zu viele Charaktere, was beim Lesen verwirrt. Die Auflistung aller Figuren mit ihren Berufen habe ich leider erst am Ende des Buches entdeckt. Ebenso die Recherche-Hinweise. Letztere gehen mir auch Tage später immer wieder durch den Kopf und geben dem Buch rückwirkend eine Fridays-For-Future-Dramatik, die gerne übersehen wird.

Denn das Miteinander der Menschen in dieser Geschichte wirkt sehr wohltuend und angesichts des thematisierten „Endes der Welt“ erstmal tröstlich. So kommt sie daher als angenehme Corona-Lektüre, denn – soviel will ich verraten – auch sie ist geprägt von einer Pandemie. Das in 2015 erstmals veröffentlichte Buch, im orangefarbenen Cover mit Wal, nimmt nicht die Angst vor der Seuche. Aber es zeigt, dass dies alles nicht das „Ende der Welt“ bedeuten muss …

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Schreib-Trick Reframing

Unerwartete Wendungen tun jedem Krimi gut. Auch Kurzgeschichten und Witze brauchen ein „Wende-Ende“, damit sie nachwirken. Wie man so eine Wende gut hinbekommt? Mit „Reframing“, probier’s aus! 

Die psychologische Methode des Reframings hilft auch beim kreativen und autobiografischen Schreiben, vor allem beim freien Schreiben auf Morgen- und Abendseiten. Es tut gut, sich Ärger und Verzweiflung von der Seele zu schreiben. Jedoch lauert immer die Gefahr, sich tiefer in den Frust hineinzuschreiben. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Dagegen hilft Reframing. 

Wörtlich übersetzt bedeutet das englische Reframing neu einrahmen, einem Bild einen neuen Rahmen verpassen. Kreativ schreibend können wir jede Gegebenheit, Situation, Handlung, jede Figur und ihr Verhalten neu einrahmen oder reframen.

Im neuen Rahmen – dem anderem Blickwinkel, anderen Kontext und auch mit anderem Fokus – wirkt sie plötzlich anders, bekommt eine andere Bedeutung, einen neuen Sinn.

Folgende chinesische Legende über einen reichen Bauern zeigt das vorbildlich: Der Bauer galt als reich, da alle im Dorf ihn um sein Pferd beneideten. Als es davonlief, bemitleideten sie ihn. Der Bauer sagte: „Wer weiß?!“ Später kehrte das Pferd mit einem Wildpferd zurück. Alle staunten. Der Bauer: „Wer weiß?!“ Beim Versuch, das Wildpferd zu reiten, stürzte der Sohn des Bauern und brach sich ein Bein. Alle bedauerten ihn. Der Vater: „Wer weiß?!“ Kurz darauf kamen Offiziere ins Dorf, um Jungs zur Armee einzuziehen. Den mit dem Beinbruch wollten sie nicht. Alle beklatschten das Glück des Bauernsohnes. Sein Vater: „Wer weiß?!“ 

Reframing-Arten lassen sich nach dem gewählten Rahmen unterscheiden.

Beim Passiv-aktiv-Reframing tritt eine Figur oder Ich-Erzähler*in aus der passiven Opferrolle heraus und übernimmt Verantwortung. Beispielsweise schimpft der überforderte Teenager plötzlich nicht mehr über die Schule, sondern sagt der Prokatination den Kampf an. 

Per Negativ-positiv-Reframing oder auch Inhalts-Reframing zeigt die Autor*in ein nerviges Verhalten oder eine bedrohliche Situation vor dem Wenden durch die schwarze, danach durch die rosarote Brille. So wird aus der kontrollierenden Mutter eine liebe Glucke, die ihr Kind beschützen möchte. Die zögerliche Figur sieht im anderen Rahmen die Chance, etwas Neues auszuprobieren. Aus „streng“ kann „besorgt“, aus „bestimmend“ kann „entscheidungsfreudig und aus „zögerlich“ kann „vorsichtig“ werden.

Über das Kontext-Reframing – durch Situations- oder Perspektivwechsel – kann die zögerliche Art der Figur ebendiese vor Gefahren bewahren. Wenn ich ein Bild oder eine Situation aus der Nähe betrachte, fallen mir andere Dinge auf als aus der Distanz. Aus einem anderen Blickwinkel, besonders im Rückblick, bekommt ein Problem einen (anderen) Sinn – wie im wahren Leben ;-) 

Welches sind deine Lieblings-Wendungen in eigenen oder fremden Geschichten, Filmen, Romanen, Witzen und vielleicht auch im eigenen Leben? 

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Lockdown-Glück

Tage mit uns
 
 Spazieren im Matsch
 Picknick im Bulli
 Schreiben am Morgen
 mit Zeitung am Tisch.
 Milchkaffee dampft 
 wie Aladins Lampe
 Brot weich vom Regen 
 schmeckt wie dies Gedicht.
 *
 Stunden mit uns
 mit segelnden Kissen
 kreischenden Kindern
 und bellendem Hund.
 Dehnen vorm Bildschirm
 mit Trainer aus Trier
 wie wir uns verrenken
 das hält uns gesund.
 *
 Tage mit dir,
 sind Tage mit uns
 alle so wertvoll
 Stunde um Stund.
 Wir haben uns,
 wir haben den Regen
 das Leben, die Liebe
 das alles sind wir.
 *
 Ich liebe
 die Tage
 mit dir.
 

  © Jo Francis                                                                                                                                                                                                                                                                                                        

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Die Vollendung

Im Offenen Schreibcafé motivieren und inspirieren Sabrina Juschka und ich uns gegenseitig. Hier der zweite Teil unseres Gemeinschaftswerks, dass meine Kurzgeschichte „Unvollendet“ wunderbar vollendet:  

„Tomaten für Elise“ von Sabrina Juschka

Lena stockte der Atem. Sie fühlte sich plötzlich wie ein kleines Licht in einem riesigen Universum, in das sie nicht hingehörte. Dies war nicht ihre Welt. Sie kratzte ihr letztes bisschen Mut zusammen und drückte auf die vergoldete Klingel. Die Vollendung weiterlesen

Unvollendet

Wie aus einem Schubladenprojekt ein Gemeinschaftswerk wurde: Vor einer Weile schrieb ich die hier folgende „Unvollendet“-Kurzgeschichte. Im Offenen Schreibcafé ließ sich Sabrina Juschka davon zu einer Fortsetzung inspirieren. Unsere Schreibstile passen echt gut zusammen, überzeugt euch selbst in diesem Beitrag und dem danach: 

Mias Hände zitterten, als sie ihr Feuerzeug an Sol Steins Werk „Über das Schreiben“ hielt. Die Flamme war kurz davor, sich von dem Wälzer einschüchtern zu lassen. Das zischende Zitronengelb verkümmerte zu einem müden Marineblau. Die Kraft des geschriebenen Wortes war stärker als die Hitze des Feuers. Kein Wunder, das Buch enthielt nicht ihre Worte, sondern die eines erfolgreichen Autors. Worte, die sie oft zum ‚besseren‘ Schreiben motiviert hatten. Worte, an die sie geglaubt hatte. Jetzt nicht mehr. Unvollendet weiterlesen

Russland- und Afrika-inspiriert

Schreiberlebnis zwischen Stammeskunst und Moderne 

Zwischen Bänken und Beton blitzten in der Kunsthalle Lindenthal an der Aachener Straße in Köln dunkle Skulpturen und bunte Bilder auf. Der Kontrast machte neugierig. Mit Stift und Papier wagten wir schreibwütigen Frauen uns in die Halle hinein. Die farbenfrohe Bilderausstellung des russischen Künstlerpaares Djoma und Michail Kudinow bot zusammen mit den afrikanischen Skulpturen des befreundeten Paares Klein eine perfekte Umgebung für kreative Schreibergüsse. Wie Kunstsammler Michael Klein verriet und alle ahnten, hat die Sammlung afrikanischer Stammeskunst seine russischen Freunde zu einigen Werken inspiriert. Ebenso haben einzelne Bilder die vor Ort entstandenen Texte stark beeinflusst. Beim Erschreiben einzelner Kunstwerke erfuhren wir Geschichten ihrer gastfreundlichen Sammler und Erschaffer und erspürten wir uns selbst. Die Ausstellungsstücke und die gesamte Ausstellung gewannen so auf dem zweiten Blick noch mehr an Faszination. Wie gut, dass beide Künstler wiederkommen wollen!

Beim Schreibevent entstanden zu Djoma Kudinows Bild „Weiße Nacht:

HEIMKEHR

Sorgenvoll

dein Blick ins Feuer

Schon so lange

ist er fort.

Er sucht dich

im weißen Licht

Deine Schatten

sieht er nicht.

Flügelfrau

er ist nicht dort

Ob Mensch, ob Wolf

er hält sein Wort.

zu Djoma Kudinows Bild „Weiße Nacht

Handgepäck für Schreibreisende

REZENSION. Entdeckt und sofort genutzt, den Reiseführer speziell für Schreiberlinge und Lesegenießer.

Literarische Besonderheiten der nicht alltäglichen Urlaubsorte sowie passende Schreibanregungen und Lese-Tipps erwecken den Wunsch, sofort dorthin aufzubrechen. Wie praktisch, im gleichen Kapitel zu lesen, wie man hinkommt und wo man vor Ort gut übernachten kann.

„Lernen Sie interessante Schreiborte in Deutschland kennen. (…) Was Sie brauchen, finden Sie in diesem Buch“, verspricht Isa Schikorsky in ihrem Vorwort. Ob es das Versprechen hält? Als langjährige Anbieterin von Stilistico-Schreibreisen konnte die Autorin aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen. Klar strukturiert und informativ wirkt das Buch schon auf den ersten Blick. Einer der vorgestellten Orte ist Dresden, wo ich neulich mit diesem Reiseführer kreativ unterwegs war. Zur Inspiration schickte er mich in Dresdens Neustadt auf Erich Kästners Spuren. Dort könne ich herausfinden, „was einen erfolgreichen Kinderbuchautor auszeichnet.“

Um Kästners „Geheimrezept für den Erfolg“ auszuprobieren, bietet das Kreativ-Buch zwei Schreibanregungen. Diese und alle anderen Schreibimpulse kann man gut auch woanders nutzen. Meine Texte dazu entstanden im Kellergewölbe der Frauenkirche. Besonders inspiriert und fasziniert haben mich Kästners Kindheitserinnerungen „Als ich ein kleiner Junge war“und das Erich-Kästner-Museum in der alten Villa seines Onkels – beides Tipps aus Isa Schikorskys Reiseführer. Ohne den hätte ich in der wiederaufgebauten Kulturstätte Essenzielles verpasst.

Buchcover Kreativ unterwegs

„Kreativ unterwegs“ heißt das 92-seitige Taschenbuch, das es auch als eBook gibt. Verteilt auf zwanzig Kapitel präsentiert Autorin und Schreibdozentin Isa Schikorsky zwanzig „Schöne Orte zum Schreiben und Literaturerleben“.

Fazit:
Empfehlenswert für alle, die gern schreiben und sich für Literatur interessieren.

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