Mit SchreibZeit die Leichtigkeit des Schreibens entdecken

Zwei Tage, ein Raum, viele Texte: Natalie Hahn zeigt im Interview, wie ein klug gestalteter Rahmen Blockaden löst, Ideen freisetzt und Schreibende in den kreativen Flow führt.

Jannechie: Liebe Natalie, zur einfühlsamen Leitung von Schreibwerkstätten haben wir nicht nur die gleiche Weiterbildung absolviert, inzwischen bieten wir ein ähnliches Konzept, das stark von den herkömmlichen Kursen und Workshops abweicht. Magst du deinen Ansatz in deinen Worten zusammenfassen?

Natalie: Erst einmal möchte ich mich herzlich für Dein Interesse an der SchreibZeit bedanken. Die Idee dafür ist aus einem Mangel entstanden, aus der Beobachtung meines eigenen Schreibens und dem Austausch mit Anderen. Ich hörte mir und anderen zu, den Klagen über die Anstrengung, die es Kreativen abverlangt, kontinuierlich und diszipliniert dranzubleiben. Schreibend suchte ich nach dem perfekten SchreibRaum mit unterstützender Atmosphäre zwischen anregender Stille und zurückhaltender Anregung. Dann stieß ich auf Judith Wolfsbergers Memoir „Schafft Euch Schreibräume!“, für mich eine Offenbarung! Daraufhin konzipierte ich die SchreibZeit und fand mit der Melanchthon Akademie einen Bildungsträger in Köln, der die Idee verstand und förderte. An zwei Tagen hintereinander eröffne ich quasi ein Schreibatelier. Die unterschiedlichsten Menschen verabreden sich unter meiner Anleitung mit ihrem Schreibprojekt, ob Kurzgeschichte, Lyrik, Roman oder wissenschaftliche Hausarbeit. Ich initiiere den Schreibprozess, die Gruppe gestaltet ihn mit. Durch die Methoden, Schreibzeiten und Feedbackrunden entsteht eine Stimmung, die die Kreativität und den Schreibfluss fördert. 

Jannechie: Lustig, wie wir auf unterschiedlichen Wegen zu ähnlichen Ergebnissen gekommen sind. Der Unterschied unserer Angebote liegt in der Veranstaltungsdauer und -regelmäßigkeit. Meine Workshops finden einmal im Monat für 2 bis 3 Stunden statt, deine als mehrtägige Schreibzeit – ganz schön lang! Wie ist so Dein Angebot strukturiert, damit keine Längen aufkommen?

Natalie: Ja, mein Angebot sind Intensivtage. Am Anfang gab es die SchreibZeit nur zum Jahresbeginn. Dieses Jahr biete ich das Seminar dreimal an: im Januar, Juni und November. Das Format gibt mir als Schreibbegleiterin Zeit, den Raum der Inspiration zu eröffnen und zu halten. Mit Warmschreibübungen und einer Runde zur Vorstellung der verschiedenen TextWerke oder Ideen, die die Teilnehmenden mitgebracht haben. Das ist mir wichtig, da immer der Prozess im Mittelpunkt steht. Es gibt einen sich wiederholenden Wechsel zwischen Schreibphasen, Austausch, Beratung und Wertschätzung. Dieser Prozess ist intensiv und daher als Zweitagesseminar perfekt.

Jannechie: Für Warmschreibübungen steht im Schreibcafee weniger Zeit zur Verfügung. Dafür gibt es monatlich neue Schreibimpulse, passend zu den Projekten. Wer mag, nutzt sie, um leichter ins Schreiben zu kommen. Ansonsten klingt der Verlauf erfreulich ähnlich, wobei die Schreibenden in zwei Tagen mit ihren Projekten bestimmt viel weiterkommen als in zwei Stunden. 

An solchen Schreibtagen brauchen die Teilnehmenden vermutlich mehr Pausen. Wie verbringen sie die? Sollten alle sich selbst etwas zu essen und zu trinken mitbringen? 

Natalie: Die Melanchthon Akademie versorgt uns mit Wasser, Kaffee, Tee und Keksen. Die Mittagspause lädt dazu ein, mal raus zu gehen und sich in der Südstadt etwas zu Essen zu holen oder einfach an der frischen Luft zu bewegen. Pausen sind sehr wichtig für die Inspiration und den Schreibfluss. 

Jannechie: Bewegung zwischen den Schreibphasen ist eine super Idee. Da kommt mir eine andere Frage. Nicht alle sind so schreibbegeistert wie wir. Was ist mit Leuten, die nicht so gern schreiben, das aus den unterschiedlichsten Gründen aber tun müssen? Die vielleicht sogar unter einer Schreibblockade leiden?

Natalie: Bisher hat sich niemand angemeldet, der oder die nicht gern schreibt. Obwohl die SchreibZeit das Potential hat, Menschen zu unterstützen, ins Schreiben zu finden. Wenn sie zum Beispiel eine wissenschaftliche Hausarbeit erarbeiten müssen. Ich verwende Methoden, die aktivieren, die die verschiedenen Schreibphasen verdeutlichen. Damit kann gezielt entschieden werden, wo und wie anzufangen ist. Die SchreibZeit ist für alle Genres offen, das ist das Spannende für die Gruppe: Weil der Schreibprozess im Fokus steht, können alle etwas mitnehmen.  

Jannechie: Dem kann ich nur zustimmen. Was ist aber mit Leuten, die mal wieder ins Schreiben kommen wollen, denen es an Ideen mangelt? Oder solchen, die eine Idee mitbringen, denen aber die Herangehensweise fehlt, um sie umzusetzen?

Natalie: Durch meine Erfahrung und ständige Weiterbildung bin ich in der Lage, die Teilnehmenden zu unterstützen, Impulse zu setzen, falls sie keine konkreten TextWerke oder Ideen mitbringen und sich Beratung wünschen. Ich höre zu und versuche im Dialog herauszuarbeiten, was von ihnen geschrieben werden möchte. Alle erleben, dass der feste Rahmen an sich inspirierend ist. Die Methoden helfen, Entscheidungen zu treffen. In den Schreibfluss finden sie dann fast wie von allein.

Schreibbegleiterin Natalie Hahn (Foto: privat)

Jannechie: Da höre ich wieder unsere fundierte Weiterbildung in Hückeswagen heraus, sehr sympathisch! Was, wenn Schreibende bei der SchreibZeit auf den Geschmack kommen und weiterschreiben wollen? In Standardkursen schreiben meist alle zum selben Thema. Was machen jene, die sich beim Schreiben nichts vorschreiben lassen wollen und denen es daheim zum Schreiben zu einsam ist oder zu unruhig mit 1000 Ablenkungen?

Natalie: Diese Fragen sind ebenfalls Teil meines Angebots – bzw. das Finden von Antworten darauf für sich. Im Erleben und Beobachten des eigenen Schreibprozesses lernen die Teilnehmenden sich besser kennen. Damit können sie auch ihren Weg ins Schreiben finden, wenn die gemeinsame SchreibZeit in der Melanchthon Akademie vorbei ist.

Jannechie: Klingt gut. Welche Art von Projekten sind in deinen Schreibzeiten entstanden bzw. haben sich dort weiter entfaltet?

Natalie: Von Roman über Kurzgeschichten, Essays bis Lyrik war alles dabei. Natürlich schreibt niemand in zwei Tagen einen Roman. Die SchreibZeit hilft, den Fokus zu setzen. Eine Teilnehmerin arbeitete sogar an einer Homepage und nutzte das Seminar, um ihre Vision davon inhaltlich zu entwickeln. Das „(End-)Produkt“ ist für mich nachrangig, die Ermutigung steht im Mittelpunkt meiner Arbeit. Mir ist es ein Anliegen den Schreibprozess in Gang zu bringen, erfahrbar zu machen, was hilfreich ist, um kreativ sein zu können. Und das hat bisher immer funktioniert, was natürlich auch mit der Gruppe zu tun hat und der Motivation des*der Einzelnen sich einzubringen.  

Jannechie: Wunderbar vielfältig, was es bestimmt auch für dich als Kursleiterin umso interessanter macht. Welches war dein schönstes Schreibzeit-Erlebnis?

Natalie: Das schönste Erlebnis war zugleich das Schlimmste: Durch kurzfristige Absagen schrumpfte die Gruppe vor dem Start so, dass ich mich fragte, ob so noch ein Gemeinschaftsgefühl entstehen würde. Doch ich vertraute auf mein Konzept und die Methoden. Das Ergebnis: Die drei Teilnehmerinnen haben es genossen, intensiv an ihren TextWerken zu arbeiten. Sie haben sich sehr offen über ihre Texte ausgetauscht und zurückgemeldet, dass diese Tiefe gerade durch die kleine Gruppe möglich wurde. Ich sammle bei all meinen Seminaren Glücksmomente ein und freue mich über die Vielfalt der Begegnungen, der Texte und die Zufriedenheit, die alle mitnehmen, weil sie sich die Zeit für sich und ihre Kreativität genommen haben. 

Jannechie: Oh ja, je kleiner die Gruppe, desto intensiver ist der Austausch. Doch auch das tollste Seminar hat ein Ende. Betreust du deine Teilnehmenden hinterher weiter? Wenn sie beispielsweise eine Motivationsspritze brauchen? 

Natalie: Falls ich Fragen im Rahmen des Seminars nicht ausreichend beantworten kann, reiche ich die Antworten per Email nach. Darüber hinaus verweise ich gern auf die Angebote anderer Schreibtrainer*innen. Alles, was Schreibende vorwärtsbringt und was ich kenne, empfehle ich gerne weiter. So wie Dein Angebot. Damit der Prozess weitergehen, das TextWerk fortgeschrieben werden kann. Und natürlich freue ich mich Teilnehmer*innen wiederzusehen, was schon ein paar Mal passiert ist, weil sie erlebt haben, wie wertvoll die zwei Intensivtage für Ihr Schreiben waren. 

Jannechie: Schön, dass Netzwerken uns beiden so wichtig ist. Deshalb dieses Interview, das mich motiviert, mich zu deiner SchreibZeit am 19. und 20. Juni anzumelden. Freue mich aufs Wiedersehen, auf die zwei schreibintensiven Tage und bin gespannt. Vielen lieben Dank für das informative Gespräch!

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Mit Fight & Write innen und außen stark

INTERVIEW. Fight & Write (F&W) – die Kombi aus körperlicher Selbstverteidigung und Kreativem Schreiben im VHS-Programm klang für mich so speziell, dass ich mehr darüber erfahren wollte. Kursleiterin Mailin Rieck erklärte, dass es beim F&W unabhängig von Alter, Kraft und Fitness darum geht, Mut zu fassen, Grenzen zu ziehen und Ideen frei fließen zu lassen. In ihren Workshops kannst du herausfinden, wie stark du bist, mit deinem Körper beim Kämpfen und mit deinen Worten beim Schreiben. Die Mischung aus Action und Nachdenken macht ihre Kurse und Workshops spannend und lebendig. Neugierig? Dann lese im Interview, warum ihr Konzept bei Jugendlichen und Erwachsenen gut ankommt.

Jannechie: Wie bist du auf die Idee gekommen, die Gegensätze des körperlichen Kämpfens mit dem doch eher kopflastigen Schreiben zu verbinden? 

Mailin: Die Idee hört sich nur gegensätzlich an, tatsächlich gibt es viele Überschneidungen bei dem, was Schreib- und Kampftrainer*innen ihren Teilnehmenden jeweils vermitteln. In beiden Disziplinen geht es darum, einen eigenen Standpunkt zu vertreten – im Kampfsport mit Körpereinsatz, beim Schreiben mit Worten. Dabei hilft es sehr, eigene und fremde Gedanken zu lesen und Gruppendynamiken erkennen zu können. Auch das übe ich jeweils mit meinen Teilnehmenden. Und sowohl im Kampfsport als auch beim Schreiben brauchst und entwickelst du Kreativität und Intuition. 

Jannechie: Wer profitiert von deinem Angebot am meisten?

Mailin: Alle, unabhängig von Alter, Geschlechtsidentität, Fitness, Lebenssituation, Herkunft. Alle Teilnehmenden können hier ihre körperliche und sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten entdecken und erweitern. Sie lernen Grenzen zu setzen und auf ihr Bauchgefühl zu hören.

Von den Kursinhalten und dem Wechsel zwischen körperlichen Übungen, Reflexion und Schreibsessions profitieren zurückhaltende Menschen ebenso wie Extrovertierte. Bei allen kommt im Laufe des Kurses Mut zum Vorschein. Grundsätzlich ist der bei uns allen vorhanden, bei vielen anfangs nur versteckt. 

Zwar mache ich aus den Teilnehmenden weder Kämpfer*innen noch Bestsellerautor*innen, aber ich vermittele das Wissen, dass sie es grundsätzlich können, wenn sie es wollen.

Jannechie: Gibt es Beschränkungen hinsichtlich des Alters und der Fitness? Wie profitieren eher unsportliche, bewegungsfaule Teilnehmende?

Mailin: Sämtliche körperlichen Übungen beim F&W haben zum Ziel, sich mit minimalem Einsatz selbst behaupten zu können. Im körperlichen Teil vermittle ich deshalb nur Techniken, für die Kraft, Beweglichkeit und Kondition nicht notwendig sind. Viele Senior*innen und Menschen mit Einschränkungen konnten somit erfolgreich bei mir teilnehmen. Beim F&W sind alle Menschen ab acht Jahren willkommen. Acht Jahre, weil wir ab diesem Alter in der Regel sicher genug mit Worten umgehen können. 

Jannechie: Bei einer Literaturveranstaltung hörte ich neulich, viele Jugendliche, vor allem Jungs, lesen und schreiben viel zu wenig. Wie kann F&W mehr junge, eher schreibfaule Menschen fürs Lesen und Schreiben begeistern? 

Mailin: Durch die Kombination von Fight mit Write ist dieses Konzept auch interessant für Personen, die weniger schreib- und dafür mehr kampf- und sportbegeistert sind. 

Bei den Schreibsessions in meinen Workshops geht es nämlich nicht um Perfektion, sondern darum, die Kreativität frei laufen zu lassen. Das Schreiben zielt auf Kreativität statt auf Orthographie und Grammatik. Gezielte Schreibimpulse tragen dazu bei, aus Jugendlichen Kreativität und Ideen herauszukitzeln, sodass Fantasien und Ideen von alleine kommen. Bislang gab es in meinen Kursen und Workshops nicht eine Person, die keine brillante Story auf Papier gebracht hat, auch wenn sie anfangs vielleicht skeptisch war.

Jannechie: Mit welchen Anliegen buchen dich Schulen?

Mailin: Meistens werde ich für Projekte und Projektwochen gebucht. Häufig mit dem Ziel, das Teamgefühl in den Klassen zu stärken, Stichwort Gruppendynamik und Peer-Pressure. Oft geht es auch um Prävention, vor allem in sozialen Brennpunkten. Ziel ist es, Gefahren frühzeitig zu erkennen und zu wissen, an wen die Schüler*innen sich im Ernstfall wenden können. Für Grundschulkinder wird in diesem Zusammenhang gern auch ein Heimwegtraining angefragt. 

Jannechie: Und wo bietest du F&W Erwachsenen und älteren Semestern? Welche Institutionen buchen dich und warum? 

Mailin: Tatsächlich habe ich an Schulen auch mal nur mit den Lehrkräften trainiert und geschrieben. Auch der „Bund gegen Rechts“ hat mich für seine Aktivist*innen gebucht, die Stadtverwaltung, das Jugendamt, einige Volkshochschulen. Bei den Workshops für Erwachsene geht es oft darum, Teamgeist und Resilienz zu stärken. Um innere Ruhe und Kraft, trotz Termindruck. 

Darüber hinaus war ich in Frauenhäusern aktiv, ebenso in Bars für Homosexuelle, um den vielen Übergriffen etwas entgegenzusetzen. Hier ging es um sichere Räume und Bystander-Training. Letzteres befähigt Menschen dazu, in diskriminierenden, problematischen Situationen aktiv einzugreifen. Wir üben gemeinsam, wie man angemessen, sicher und solidarisch bei Diskriminierung, Gewalt oder Übergriffen reagiert, ohne sich selbst oder andere zu gefährden. 

So unterschiedlich wie die Institutionen, die mich buchen, gestalte ich auch meine Kurse. Ich gehe gern auf Wünsche ein. Alles kann ich individuell auf die Bedürfnisse in der jeweiligen Institution abstimmen, Abläufe umstellen und um weitere Inhalte ergänzen.

Jannechie: Was war dein schönstes F&W-Erlebnis?

Mailin: Das war in einem Frauenhaus in Berlin. Dort hatten meine Teilnehmerinnen und ich extreme Sprachbarrieren zu überwinden. Jede hat in der eigenen Muttersprache geschrieben und mit Stimme, Händen und Füßen in der Runde vorgelesen. Allein dadurch entstand schon ein besonderes Miteinander. Mimik und Gesten und ein Übersetzungstool trugen zum Verstehen bei, vor allem aber die Motivation der Frauen, ihre Freude und Dankbarkeit. Der Satz einer Teilnehmerin, auf Arabisch vorgetragen, dann mit Online-Translator übersetzt, macht mir noch heute eine Gänsehaut: „Mein Zuhause ist überall, wo ich mich sicher fühle.“ Diese Frauen sind durch die Hölle gegangen, doch hier fühlten sie sich sicher und konnten sogar wieder lachen.

Jannechie: Wie geht’s für die Teilnehmenden weiter nach dem Workshop?

Mailin: Nachsorge ist sehr wichtig. Die Teilnehmenden erreichen mich deshalb auch nach Ablauf des Workshops jederzeit, wenn sie Fragen haben oder nochmal drüber sprechen wollen. 

Zudem lasse ich mir immer wieder mal etwas Neues einfallen. Manchmal lasse ich die Teilnehmenden einen Brief an sich selbst schreiben, den ich ihnen dann Monate später zuschicken. Aus den im Workshop geschriebenen Texten ist auch schon manch ein Büchlein entstanden. Es erinnert die Teilnehmenden daran, was sie an dem Wochenende geschafft haben, dass sie an sich und ihre Fähigkeiten glauben dürfen.

Jannechie: Und wie geht es für dich weiter? Hast du weiterführende Ideen? 

Mailin: Ich wachse mit meinen Teilnehmenden. Seit ich meinen Trainerschein zu Achtsamkeit und Resilienz habe, nehme ich Elemente aus diesen Fortbildungen mit in die Workshops und ergänze das Angebot um die mentale Komponente. Für ganzheitliche Stärke von innen nach außen. Das Wissen hilft auch mir, nochmal einen viel stärkeren Blick auf die Workshop-Teilnehmenden zu haben und ihre Bedürfnisse zu erkennen.

10. Im Vorfeld war ich nur neugierig, jetzt hast du mich überzeugt. Wie könnte ich als Privatperson mal bei einem deiner F&W-Workshops teilnehmen? 

Mailin: Melde dich an, wenn mich mal wieder zum Beispiel eine Volkshochschule gebucht hat. Dazu kannst du beitragen, indem du dort meine Workshops empfiehlst :-) Ansonsten werde ich mit F&W hauptsächlich firmenintern oder institutionell für ganze Teams gebucht. Wende dich gerne an deine Arbeitgeber*innen, dort gegebenenfalls an die Personalentwicklung, wenn du Lust auf einen F&W-Kurs in deinem Arbeitsumfeld hast. Hier erreichst du mich: www.fightandwrite.de, Email: hallo@fightandwrite.de, Telefon/Whatsapp: 0176 31711328.

Es ist mir eine Ehre, nun auf deinem Blog zu sein. Ich habe mich sofort mit dir wohlgefühlt. Ich danke dir sehr für dein Interview und die tollen Fragen, liebe Janny.

Jannechie: Auch meinerseits danke für den netten Austausch. Ich halte dein F&W-Workshop-Angebot für absolut sinnvoll und wichtig, es sollte viel mehr Beachtung finden. Deshalb hoffe ich, mit unserem Interview dazu beizutragen, dass viel mehr Menschen dein Angebot kennen und nutzen.

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Mutmach-Lyrik über Demenz und die Suche nach Würde

INTERVIEW. In ihrem Buch „Bedingungslos“ verwandelt Autorin Brigitte Tuchborn die letzten Jahre mit ihrer demenziell erkrankten Mutter in poetische Miniaturen voller Zärtlichkeit, Schmerz und Erkenntnis. Im Gespräch erzählt sie, wie Schreiben für sie zum Anker wurde – ein Weg, Trauer zu verwandeln, Nähe neu zu entdecken und das Schweigen der Krankheit in Sprache zu übersetzen.

Jannechie: Regelmäßig „musstest“ du aus der Gedichtsammlung vorlesen, an der du die letzten Jahre im Schreibcafee gearbeitet hast. Wir anderen aus der Gruppe hingen dabei begeistert an deinen Lippen. Die Rede ist von „Bedingungslos“, einer gut strukturierten Sammlung von Miniaturen. Sie fassen die letzten Jahre deiner demenziell erkrankten Mutter in Worte. Warum hast du dieses Buch geschrieben, wie kam es dazu?

Brigitte: Als ich bemerkte, eher spürte, dass sich meine Mutter demenziell verändert, war ich überfordert. Mein Leben war anstrengend, schön doch anstrengend, in dem ich kaum für eine gesunde Mutter auf Distanz Zeit hatte. Und dann wurde sie krank. Ich wusste nicht wo ich mich lassen konnte, mit meinen Fragen, Sorgen und Ängsten. Durfte ich wütend sein auf diese Frau, die es mir und uns beiden schwer gemacht hatte, und mit der ich plötzlich nicht mehr auf Augenhöhe war? Brachte ich mich genug ein, wobei ich ihren Erwartungen eh nie gerecht wurde? Wohin mit mir, wenn ich nachts wach lag, da ich sie telefonisch nicht erreicht hatte, und die Schreckensszenarien durch mein Bett spazierten?
Schreiben half, assoziatives Schreiben, hemmungslos und unzensiert.
Irgendwann fing ich an zu verdichten, für mich die Essenz zu finden, die passenden Worte, entdeckte einen roten Faden, und vor allem einen Sinn. Und konnte mich darüber anderen mitteilen.

Jannechie: Ich kann mir vorstellen, dass der Entstehungsprozess sehr schmerzhaft für dich war, schließlich handelt es sich um eine fortschreitende Krankheit, an der deine Mutter letztlich gestorben ist. Was hat dich motiviert, weiter dran zu bleiben? Und was hat es dir persönlich gebracht? Würdest du diesen Schreibprozess auch anderen empfehlen, die sich in ähnlichen Lebenslagen befinden?

Brigitte: Ohne das Schreiben hätte es mich zerrissen. Wenn ich meine Mutter besuchte, hielt ich auf dem Rückweg an, oft beim Kloster Maria Laach, wo ich am Brunnen in der Gärtnerei saß, und schrieb. Das war unglaublich erleichternd und befreiend. Die Probleme waren nicht weg, meine Verzweiflung fand Worte, die einiges klärten. Prioritäten wurden Klar, Blickwechsel waren auf dem Papier möglich.

Für mich ist Schreiben das Mittel der Wahl, und das ist sicher einen Versuch wert.
Wichtig ist, glaube ich, etwas zu finden, was einen innehalten lässt. Das kann Schreiben sein, Bewegung, Austausch mit anderen – da gibt es kein Rezept, das findet jeder für sich.

Jannechie: Für wen hast du das Buch verfasst? 

Brigitte: Die Idee mit dem Buch kam viel später. Erst war es eine Unmenge an Material, ein Sammelsurium an Erinnerungen. Das Schreibcafee war ein guter Ort, zu sichten und zu verdichten. Ich fand Zuhörerinnen, die das freundliche Feedback verinnerlicht haben, und die mich ermutigten, weiter zu schreiben. Und dann war es deiner Hartnäckigkeit zu verdanken, mich damit zu zeigen, dass ich den nächsten Schritt wagte.

Jannechie: Wer sollte dein Buch lesen und warum? Aufgrund deines Wissens zur Poesie- und Bibliotherapie und deiner Erfahrungen aus der Pflege: Wem kann ich das Buch guten Gewissens schenken und wer sollte besser die Finger davon lassen? Warum?

Brigitte: Viele Menschen kommen auf die ein oder andere Art mit Demenz in Kontakt. Manche lassen sich von meinen Worten berühren, und finden Trost darin, und das finde ich besonders schön, dass sie mit ihren zum Teil unaussprechlichen Erfahrungen nicht alleine sind. 
Und andere finden womöglich keinen Zugang, und legen es eh dann gleich wieder aus der Hand. 

Jannechie: Wie ist die Sammlung entstanden? Magst du den Entstehungsprozess beschreiben?

Brigitte: Beim Ordnen des Materials, konnte ich verschiedene Zeiten ausmachen, aus denen dann die Kapitel entstanden. Das tat gut und war ein wichtiger Schritt. 
Leben mit Demenz ist eine geballte Ladung an Gefühlen. Kein Kontakt ist planbar, und es ist schwer, sich darauf einzulassen, und statt zu verzweifeln Gelassenheit zu üben.

Jannechie: Im Schreibcafee konnten wir nicht genug kriegen von deinen Gedichten. Magst du hier was daraus zitieren?

Brigitte: Sehr gerne! Ein wichtiges Ritual bei meinen Besuchen war, dass ich meiner Mutter die Hände badete, eincremte, die Nägel schnitt und lackierte. Vor der Demenz beschränkte sich unser Körperkontakt auf Begrüßungs- und Abschiedsfloskeln. Wir hatten eine angespannte Beziehung, da brauchte ich für mich Distanz im Kontakt. Über das Ritual kamen wir uns näher, und genossen es beide.

BERÜHRUNGEN

Ich creme und massiere deine Hände,

und du lässt es geschehen

So habe ich deine Hände noch nie gesehen.

So habe ich deine Hände noch nie berührt.

Meine Finger entdecken Neuland.

Spüren behutsam alten Schwielen nach.

Glätten für den Moment Falten.

Umkreisen vorsichtig verdickte Gelenke.

hören zu vom Halten und Aushalten,

hören mit vom Zupacken und dem Griff ins Leere.

Und finden Antwort.

(Brigitte Tuchborn)

Jannechie: Danke fürs Teilen! In dem Gedicht lieferst du zusätzlich Ideen für mehr gemeinsame Quality Time. Gut, dass du diese Perlen endlich veröffentlicht hast. Warum im Selfpublishing?

Brigitte: Ganz einfach, kein Verlag war interessiert. Ich bekam nette Absagen, Lyrik ließe sich nicht verkaufen. Zu Weihnachten bekam ich einen Gedichtband geschenkt, 365 Gedichte. Für jeden Tag ein altes, irgendwie und -wo bekanntes, damit ist anscheinend Kasse zu machen. Fast nur alte Männer zu überholten Themen. Da frag ich mich, wenn die Verlage sich nicht trauen, und neue Impulse setzen, geht die alte Leier weiter. Dabei gibt es so viel zu entdecken! Ich wünschte mir einen Gedichtband mit einem Gedicht für jeden Tag, mit Rupi Kaur, Kae Tempest, Karoline Marliani und wie sie alle heißen, Gegenwartslyrik vom Feinsten!
… das war jetzt gar nicht deine Frage, oder?

Jannechie: Doch, wie ich dich verstehe, war und ist das Selfpublishing für dich ein Weg, den immer noch patriarchal geprägten Buchmarkt zu umgehen. Wenn Virginia Woolf und ihr Mann sich 1917 keine eigene Druckerpresse angeschafft hätten, würde der Lesewelt Essenzielles fehlen. Heute ist es so viel einfacher, eigene Texte zu veröffentlichen. Oh ja, ich teile deinen Wunsch und bleibe zuversichtlich, schließlich sind wir Frauen die lesende Mehrheit. 

Zurück zu deiner Lyrik, wo kann ich dein 75-seitiges Hardcover-Buch zu welchem Preis erwerben?

Brigitte: In jedem Buchladen und im Netz, das Bändchen hat eine ISBN-Nummer, über die es angefordert werden kann.
Die 16 Euro, die es kostet hat epubli festgelegt

Jannechie: Und wo finden wir weitere Gedichte und Texte von dir?

Brigitte: Das meiste in meiner Schreibtischschublade, haha.
2024 wurde ich Vierte beim Putlitzerpreis mit „himbeerrot“ . In dem Band „Visionen – unsere Heimat und unsere Welt neu denken“  bin ich auch vertreten.
Und Haikus in „eine Hand voll Glück“, da habe ich 2019 mit meiner Knastschreibgruppe an einem Wettbewerb zum Thema Glück teilgenommen

Jannechie: Was für ein Glück, Schreiben tut uns allen gut! Wer aber so eine schöne Schreibe hat, sollte unbedingt am Stift dranbleiben – was ist dein nächstes Projekt, oder gibt es sogar mehrere?

Brigitte: Einiges ist im Entstehen, noch nicht wirklich greifbar.
Doch vor allem tauche ich in das Leben und auch die Zeit meiner Großmütter ein. Sammle Geschichten und Erinnerungen, und bin fasziniert, was sich zeigt. Das will ich für meine Familie schreiben, doch wer weiß, was draus wird.

Jannechie: Wir bleiben gespannt! Herzlichen Dank, dass du dir für dieses Interview Zeit genommen hast. Deine Antworten informieren, trösten, inspirieren, motivieren, wie die Texte, die ich von dir kenne.

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10 Fragen an Oliver Buslau

Von erfolgreichen Profis lernen, wie es geht, wie man dranbleibt und mehr. Mit dieser Idee wandte ich mich an den Autor, Journalisten, Komponisten und Musikwissenschaftler Oliver Buslau

Als Gründer und bis 2016 Herausgeber des Magazins TextArt hat er Schreibinteressierte wie mich nachhaltig fürs kreative Schreiben begeistert. Beim Blättern und Lesen der TextArt spürte man Buslaus Schreibbegeisterung, die ihm weiterhin Erfolge beschert: 15 Buchveröffentlichungen (neben vielem Anderen), davon 11 Lokalkrimis mit dem Privatdetektiven Remigius Rott. Seinen neuesten Rott „Bergisches Roulette“ werde ich wohl wieder zu schnell ausgelesen haben. Seine Antworten auf meine 10 Fragen lese ich voraussichtlich mehrmals, denn da steckt so viel drin – überzeugt euch selbst …

1. Wer oder was hat dich zum Schreiben gebracht?
Wahrscheinlich war es mein Vater. Er war in meiner Kindheit Lokalreporter bei einer Tageszeitung. Ich fand es als Kind schön, wie er an der Schreibmaschine zu sitzen (Computer gab es noch nicht) und die kleinen Sachen, die ich zum Beispiel für die Schule geschrieben habe, zu tippen. Irgendwann habe ich dann auf diese Weise auch Eigenes zu Papier gebracht. Mich reizt am Schreiben nicht nur das Ausdenken des Inhalts, sondern auch der Schreibvorgang an sich, das „Zu-Papier-Bringen“. Am liebsten mit einer Tastatur, nicht so gerne mit der Hand.

2. Wie sieht dein perfekter Schreibtag aus?
Wenn ich an einem Projekt in der Phase bin, dass ich Text schreibe, also nicht (was ich sehr ausführlich vorher mache) plane, dann schreibe ich am Vormittag ab 10 Uhr mindestens zehn Manuskriptseiten, was ich normalerweise bis zum Mittag hinkriege. Wenn nicht, dann arbeite ich so lange weiter, bis die 10 Seiten stehen. In dieser Zeit bin ich absolut unansprechbar für die Außenwelt. Der Nachmittag ist für Organisatorisches, für Nachrecherchen und weiteres Planen reserviert. Der Arbeitstag geht so bis gegen 19, 20 Uhr. Ich bin kein Nachtarbeiter und auch kein „Flowarbeiter“, der zu schreiben beginnt und irgendwann plötzlich zu sich kommt und sieht, dass der Tag rum ist.

3. Wie lange arbeitest und schreibst du im Durchschnitt an einem Buch?
Das ist schwer zu sagen. Bei den recherchetechnisch weniger ambitionierten Büchern wie zum Beispiel meinen Lokalkrimis brauche ich ungefähr von der allerersten Planung bis zur Abgabe ein halbes Jahr. Große Projekte wie mein historischer Roman „Feuer im Elysium“ haben viel mehr Zeit benötigt. Da habe ich für die Recherche und die Planung der Handlung schon mehr als ein ein Jahr gebraucht, für das eigentliche Schreiben ein weiteres. Man darf aber nicht vergessen, dass damit die Arbeit noch nicht beendet ist. Es gibt ja noch die Lektoratsdurchgänge nach der Prüfung des Manuskripts durch den Verlag. Die können auch noch mal zeitaufwändig sein. Ich schreibe ja auch Heftromane für die Jerry-Cotton-Reihe mit etwa 120 Normseiten Umfang, für die ich jeweils etwa zwei Wochen veranschlage.

4. Was hält dich am erfolgreichsten vom Schreiben ab?
Meistens das Lesen. Dann das Nachdenken über Bücher, die man schreiben könnte. Ich habe viel, viel mehr Pläne und Exposés in der Schublade als es wirklich umgesetzte Projekte gegeben hat. Manchmal nagt das ein bisschen an mir, denn ich denke, ich hätte doch die Zeit statt für die Planungen auch für das Schreiben von wirklichem Text verwenden können. Und ich bewundere Autorinnen und Autoren, die so einfach drauflosschreiben können. Ich hätte zu viel Angst, steckenzubleiben. Dann wird mir klar, dass auch die unrealisierten Pläne für mich Stationen auf dem Weg zu den wichtigen Projekten sind. Trotzdem muss man aufpassen, dass man sich nicht mit dem Planen vom Schreiben selbst ablenkt. Ich beschäftige mich auch gerne mit der handwerklichen Seite des Schreibens, lese also Bücher über dramaturgische Modelle, über Kreativitätstechniken und so weiter, die ich dann auch gerne ausprobiere. Diese Art der Weiterbildung ist sehr wichtig, kann aber auch selbst wieder zu einer Schreibvermeidungsstrategie werden – und zu einer besonders perfiden dazu. Man glaubt ja, man würde sein Schreiben voranbringen, aber dem ist nicht so. Das Maß aller Dinge ist stets der zu Papier gebrachte Text, der Output, nichts anderes. 

10 Fragen

5. Wie motivierst du dich kurzfristig und langfristig, ein Buch zu Ende zu schreiben?
Das geht nur durch klare Pensumsplanung. Ich teile das Projekt in einzelne Schritte auf und lege realistisch fest, bis wann ich was geschafft haben kann. In der Schreibphase, die recht spät auf dem Plan steht, schreibe ich die täglichen zehn Seiten, und das jeden Tag aufs Neue. Ich belohne mich nicht, wenn ich mal mehr geschrieben habe, und ich bestrafe mich nicht, wenn es dann doch mal nicht klappt und vielleicht nur bei fünf Seiten bleibt. Früher war mein Pensum übrigens geringer. Es lag ganz am Anfang bei drei Seiten, dann habe ich jahrelang mit fünf gearbeitet, nun eben zehn. Es kommt aber gar nicht auf die Menge an, sondern auf die Regelmäßigkeit. Ich schreibe in dieser Phase meinen Text so gut es geht. Das entscheidende Ziel ist durchzukommen. Überarbeitet wird später. Ich lese während der Phase auch nicht noch mal das, was an den Vortagen entstanden ist, es geht nur in eine Richtung, nämlich voran. Für die Prüfung ist in der Planung ja dann auch noch Zeit vorgesehen. In jeder Phase lege ich den Fokus auf das, worauf es gerade am meisten ankommt: Recherche, Figuren, die einzelnen Teile der Handlung, Nachrecherche, detaillierte Szenenplanung, dann das Schreiben des eigentlichen Manuskripts, Überarbeitung etc.

6. Was tust du, um eine Schreibblockade zu lösen?
Ich wende Salamitaktik an. Ich konzentriere mich auf den kleinsten Schritt, der nötig ist, und gehe ihn. Fast immer kann man dann auch den nächsten gehen. Ich analysiere, wo das Problem liegt, grenze es ein und löse es. Fehlt mir eine Information für meine Geschichte? Ich beschaffe sie. Kenne ich einen Schauplatz zu wenig? Ich gehe hin und schaue ihn mir an. Oder, wenn es nicht geht, besorge ich wenigstens Fotos, Videos und Beschreibungen und lerne ihn auf diese Weise kennen. Ist die Motivation einer Figur unklar? Ich frage mich, was ihr wichtigstes Ziel ist und was sie an der Stelle der Handlung, an der ich steckengeblieben bin, machen würde und schreibe dann, wie sie das tut. Habe ich zu wenig Zeit? Ich schreibe nur einen Satz, aber den auf jeden Fall. Weiß ich nicht, wie ich eine Szene beginnen soll? Ich fokussiere mich auf das erste, was in der Szene passieren muss, damit die Geschichte funktioniert, und schreibe es hin. Und so weiter. Wirkliche Schreibblockaden habe ich, ehrlich gesagt, noch nie erlebt. Es steckt meiner Erfahrung nach immer was anderes dahinter: Zeitmangel, Vorbereitungsmangel, Angst … Alles verständlich, aber lösbar.

7. Was empfiehlst du Menschen, die ein Buch schreiben wollen?
Sie sollten sich erst mal klar machen, was das für ein Buch werden soll. Dann sollten sie sich Bücher anschauen, die irgendeine Ähnlichkeit mit dem geplanten haben – also Bücher derselben Genres zum Beispiel. Die sollte man lesen. Wenn es nicht nur um ein Buch gehen soll, sondern man das Schreiben als Lebensweise kultivieren machte, sollte man stets viel für sich selbst schreiben – egal über was, egal wie gut. Oft wird vergessen, dass Schreiben auch eine körperliche Tätigkeit ist, an die man sich gewöhnen muss. In meiner Anfangszeit haben mir dabei die Bücher von Natalie Goldberg (zum Beispiel „Schreiben in Cafés“, der Titel ist ein wenig irreführend) geholfen, die das „Automatische Schreiben“ propagiert und einem so die Angst vor dem weißen Blatt nimmt. Dazu noch ein Ratschlag, der vielleicht seltsam klingt, aber viel bringt: mal einen Monat lang täglich vier Seiten aus Büchern, die einem gefallen, abschreiben – und zwar mit der Hand. Dabei geht es nicht ums Klauen, sondern um „schreibendes Lesen“, das einen großen psychologischen Effekt hat. Man versteht nämlich die Texte und deren Machart viel besser. Das ist übrigens eine Technik aus der Musik: Selbst die größten Komponisten haben Werke der von ihnen bewunderten Kollegen abgeschrieben, und auf diese Weise analysiert – Mozart und Beethoven haben zum Beispiel auf diese Art viel von Johann Sebastian Bach gelernt. Raymond Chandler hat die Übung variiert: Er hat ein Kapitel eines anderen Autors zusammengefasst und auf die wesentlichen Informationen reduziert. Dann hat er diese Zusammenfassung weggelegt, ein paar Tage gewartet, sie wieder rausgeholt und dann – natürlich ohne das Original anzuschauen – selbst geschrieben, als wenn er der Autor wäre. Diesen Text hat er daraufhin so gut es nur ging überarbeitet, ihn also nach seinen Möglichkeiten perfekt gemacht. Dann folgte der Vergleich mit dem ursprünglichen Text. Ich kann das nur empfehlen. Es gehen einem die Augen auf.

8. Was macht für dich ein gutes Buch aus?
Das kann ich so einfach nicht sagen. Jedenfalls ist es nicht die Befolgung irgendwelcher dramaturgischer „Regeln“. Ich erkenne es, wenn ich es lese.

9. Was magst du besonders am Beruf des Autors?
Wenn es finanziell einigermaßen funktioniert, ist es für mich der ideale Beruf. Ich arbeite sehr gerne alleine und freiberuflich, lerne aber trotzdem gerne die verschiedensten Wissensgebiete kennen, tauche gerne in verschiedene Welten ein, organisiere aber meine Pläne und deren Umsetzung gerne selbst. Und das Schreiben an sich ist mir ein so angenehmer Vorgang, dass ich es auch tun würde, wenn es nicht mein Beruf wäre. Was mich auch reizt, ist die Einstellung, dass man als Autor den Leserinnen und Lesern eine wirklich gute Show liefert. Ich stelle mir manchmal vor, mit dem Roman- oder Kapitelbeginn, den ich gerade schreibe, ginge ein Vorhang auf, und ich kann nun bestimmen, was auf der „Bühne“ passiert, ich kann die Aufmerksamkeit der Menschen, die das Buch in der Hand halten, lenken.

10. Was wünscht du dir von der Leserschaft?
Dass sie mir genau das ermöglicht, was ich in der vorigen Frage als Antwort gegeben habe. Und das tut sie zum Glück, wofür ich sehr dankbar bin.

Fußnote: Das Autoren-Foto stammt von Susanne Prothmann.

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