Impro-Theater & Schreiben: Wie ich Gefühle neu entdeckte

Was passiert, wenn ein Büchermensch sich mitten unter leidenschaftliche Impro-Fans wagt? Zwischen Lampenfieber, Hühner-Tanz und überraschenden Tränen entdeckte ich, wie lebendige Emotionen nicht nur auf der Bühne, sondern auch im eigenen Roman entstehen. Begleite mich auf einen ungewöhnlichen Weg, der Schreibblockaden löst und neue Inspiration bringt. 

Wie bin ich bühnenscheue Vielschreiberin in diesem Impro-Theaterworkshop gelandet? Zum Glück war ich bei der Vorstellungsrunde als letztes dran. Vor mir outete sich eine Teilnehmerin nach der anderen – wir Frauen waren wieder in der Überzahl – als absoluter Impro-Fan. Eine von ihnen beginnt demnächst sogar eine professionelle Schauspielausbildung. Auweia!

Und ich? Bin nur hier wegen meines Romans, dessen Rohfassung ich derzeit überarbeite. Dabei stolpere ich über so Floskeln wie „Sie freute sich.“ Alles nur Platzhalter. Denn beim Lesen meines fertigen Buches – irgendwann einmal – sollst du die Gefühle meiner Romanfiguren quasi erleben und mitfühlen können. Nur dann kannst du in meine Romanwelt eintauchen, nur dann alles andere um dich herum vergessen. Da reicht es nicht, wenn ich die Gefühle nur benenne. Spätestens jetzt, beim Überarbeiten, muss ich mich voll und ganz in die Gefühle meiner Figuren hineinversetzen. Dabei auch die richtigen Worte finden. Das fällt mir schwer. Deshalb dieser Theaterworkshop. Im VHS-Programm hieß es dazu: „Tauchen Sie ein in die Welt der Emotionen und lernen Sie, authentische Gefühle auf der Bühne zu zeigen!“ Weiter las ich nicht. Nun hörte ich, dass alle um mich herum heiß darauf waren, auf der Bühne zu improvisieren. Da musste ich jetzt durch. Ganz so schlimm würde es vielleicht nicht werden, wo alle anderen doch so begeistert waren – allen voran Kursleiterin Sarah Heinrigs. Neben ihrem Beruf als TV-Journalistin folgt sie ihrer Berufung als Improvisationskünstlerin, Regisseurin und Schauspielerin mit festem Ensemble.

Viele lustige Aufwärmspiele im Kreis halfen mir, meine Scheu zu überwinden. 

„Und jetzt tanzt alle wie ein Huhn, so richtig schön zum Fremdschämen.“ Sarah zog eine Schnute, gluckste, knurrte, gackerte, winkelte die Arme und nickte bei jedem Schritt. „Möglichst peinlich, das baut Hürden ab.“ 

Aha, wie beim Kreativen Schreiben. Auch da tun wir Schreibenden alles Mögliche und Unmögliche, um den inneren Zensor auszuschalten. 

Endlich würden wir nun lernen, wie wir durch Tricks authentisch Gefühle fühlen können.

Dafür gingen wir zur Musik kreuz und quer durch den Raum. Denn, so Sarah: „Emotionen entstehen hauptsächlich über die Bewegung.“

Mal sollten wir nur auf den Fußballen gehen, mal auf den Fersen. Mal sollten wir uns von unserer Stirn führen lassen, mal von unseren Knien, mal von den Lippen, den Augen, vom linken Ohr. Immer wieder sollten wir dabei unsere Gefühle wahrnehmen. Je nachdem, wie ich mich bewegte oder welches Körperteil mich führte, kam immer wieder ein anderes Gefühl in mir hoch. 

Sarah erklärte: „Nach der Gefühlsstromtheorie von Gunter Löffel strömen die Gefühle durch den Körper. Der Wutstrom zieht vom Bauch über die Brust hinauf und über die Stirn nach außen. Freude geht durch den gleichen Kanal wie Wut, zieht dann aber nach oben raus. Traurigkeit und Trauer bauen sich langsamer auf. Sie beginnen wie erdrückender Regen und ziehen dann den Körper nach unten. Ähnlich tropfend beginnt der Angststrom an den Fersen, kriecht hintenrum hoch und setzt sich hinten am Kopf fest.“ 

Mit einer Methode von Viola Spolin, der Pionierin des Impro-Theaters, entstehen Gefühle über das Hineinfühlen in eine Situation. Dafür sollten wir durch den Raum gehen und uns auf das Gehörte einlassen. Sarah beschrieb einen Garten, durch den wir gingen. Sie erklärte, was wir sehen, hören, riechen und fühlen konnten, was uns gerade Schlimmes passiert war. Hinterher hatte ich Tränen in den Augen und einen Kloß im Hals. Ähnlich geht es mir, wenn ich bestimmte Romanszenen schreibe.

Für eine weitere Übung sollten wir uns in Zweiergruppen gegenseitig Erlebnisse erzählen, bei denen ein starkes Gefühl dominiert hatte. Beim Erzählen wie beim Zuhören sollten wir darauf achten, uns möglichst tief in das Erzählte hineinzufühlen. Immer wieder auf Zuruf sollten wir die Gruppe wechseln. Je größer der Zeitdruck, desto alltäglicher wurden die Geschichten. Desto feiner und abwechslungsreicher wurden die Emotionen, die ich beim Zuhören empfand. Wieder eine Parallele zum Kreativen Schreiben: Zeitdruck baut Hemmungen ab und lässt die Kreativität fließen. Dazu Sarah: „Wenn authentisch vorgetragen, sind es die leisen Gefühle, die beim Publikum nachwirken.“ Ob das auch fürs Schreiben gilt?

Um uns auf gefühlsintensives Impro-Theater einzustimmen, sollten wir zu zweit Geschichten erfinden. Vorher wurde sich auf ein Gefühl geeinigt, in das wir uns beim Erzählen hineinsteigerten. A gab einen ersten Satz vor, wie „Paul ekelte sich vor Ameisen.“ B sollte darauf antworten mit „Ja, und dann …“ Darauf dann A mit „Ja, und dann …“ Und so weiter. Ja, es entstanden Geschichten, aber es fehlte etwas. Genau: deren Darstellung auf einer Bühne. Oder, wie ich es beim Romanschreiben nennen würde: Es fehlte das Drumherum, das dem Erzählgerippe Fleisch gibt.

Auch beim Bühnenspiel einigten wir uns vorab immer wieder auf ein vorherrschendes Gefühl. Dann auf ein Setting, beispielsweise Zoo. A sollte die Szene mit der Emotion und dem Setting etablieren, damit das Publikum sich orientieren konnte. Dann erst sollte B einsteigen und die Geschichte ihren Lauf nehmen.

Nach einer Methode der Theaterwissenschaftlerin Beatrix Brunschko wurde nur die Emotion vorgegeben. A sollte dann auf der Bühne eine simple Bewegung immer wieder wiederholen. B sollte hinzukommen und Bewegung und Mimik von A imitieren, während A B imitiert. Beide sollten sich beim gegenseitigen Spiegeln durchweg anschauen. Spontan kam Dialog hinzu und es wurde spannend und interessant … 

Bei diesem „Ameisenprinzip“ oder auch „Follow the Follower“ folgt jeder und jede Spielerin aufmerksam den Impulsen der anderen, ähnlich wie die Ameisen, die sich an den Bewegungen ihrer Artgenossen orientieren. Faszinierend, aber wie kann ich dieses Prinzip aufs Schreiben übertragen? Bei Gelegenheit oder Bedarf lasse ich mir dazu etwas einfallen. 

Bei einer Variation dieser Follow-the-Follower-Methode setzten sich zwei Personen einander gegenüber, schauten sich aber nicht an. Stattdessen konzentrierten sie sich jeweils auf ein Gefühl ihrer Wahl. Beispielsweise stellte A sich auf Freude ein, B auf Wut. Auf Kommando schauten beide sich gegenseitig an und verharrten. A nahm Bs Wut wahr, B As Freude. Langsam, aber gleichzeitig, spiegelten sie sich dann gegenseitig, jede einzelne Regung. Im Nachhinein bedauere ich, dass ich mich bei dieser letzten Übung nicht als eine der beiden Freiwilligen gemeldet habe, die diese Variation ausprobieren. Denn bestimmt hilft diese intensive Spiegelung jeder einzelnen Regung, Gefühle tief zu ergründen. 

Mein Fazit: 

Je intensiver ich Gefühle in mir selbst zum Erklingen bringen kann, desto besser kann ich sie als Impro-Spielerin zeigen und desto besser kann ich sie auch als Autorin auf Papier bringen. Dabei hilft ein gutes Einfühlungsvermögen – genau das haben wir trainiert in diesem Gefühlstheaterworkshop. Nicht nur das. Übers ganze Wochenende fühlte ich mich so, wie ich den Workshop empfunden hatte: gutgelaunt, springlebendig und mit allen und allem verbunden. Impro-Theater hat einen gesunden Suchtfaktor. Mit meiner Anmeldung zum nächsten Impro-Workshop muss ich mich beeilen. Die VHS-Workshops von Sarah Heinrigs sind oft viel zu schnell ausgebucht – nicht ohne Grund. 

(Beitragsbild mit freundlicher Genehmigung von Sarah Heinrigs persönlich)

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Die Listen meines Lebens

REZENSION. Rückblickend frage ich mich, warum Guy Brownings Roman so lange in meinem Regal warten musste, endlich von mir gelesen zu werden. Inzwischen bin ich fasziniert, wie der Britische Autor mittels Zehnerlisten ein ganzes Leben kurzweilig und humorvoll nachzeichnet. Das Buch mit den 212 Listen hatte ich als Anschauungsmaterial für meine kreative Schreibwerkstatt gekauft. Allein schon sein Klappentext würde meine Teilnehmenden zur Kreativitätstechnik des Listen-Schreibens motivieren:

1. Jeder führt sie: Listen. 
2. Dies ist ein Roman – ausschließlich erzählt in Listen.
3. Für alle, die ohne Listen nicht überleben können. 
4. Und für alle, die sich fragen, wie das eigene Leben in zehn Stichpunkten aussehen würde. 
5. In etwa so!
6. Vom Schulhof über die erste Liebe, Ehe und drei Kinder bis zum Neubeginn – ein Leben in Listen.
7. Wir erfahren von den kleinen Katastrophen genauso wie von den großen Glücksmomenten.
8. Das ist lustig, oft sehr rührend und manchmal sogar ein bisschen weise.
9. Für die Leser von «Adrian Mole» und Nick Hornby.
10. Und in jedem Fall: Ein Roman für alle Helden des Alltags. 

Als Bettlektüre zog ich privat zunächst doch die gewohnte Prosa vor. Zu Unrecht! Denn Guy Brownings „Die Listen meines Lebens“ sind keineswegs nüchtern und sachlich geschrieben, wie man es von Listen vermuten könnte. Zusammen mit ihren Überschriften strotzen sie vor Humor und Selbstironie. Als Beispiel die Listen-Überschrift „Warum ich bei Konfrontationen so schlecht bin“ und dazu so sympathische Antwortpunkte wie „Ich kann meine eigene Meinung nicht ernst genug nehmen, um sie zu verfechten.“ (Punkt 2) und „Die Welt ist voller Probleme. Meine Hähnchennuggets sind kalt. Na und?“ (Punkt 3). Mit zunehmender Faszination begleitete ich diesen kurzweiligen Ich-Erzähler vorm Einschlafen durch seine Listen: von seiner Schulzeit über Pubertät und Liebschaften zum Berufseinstieg, zu großer Liebe und Liebeskummer, von der Hochzeit über Sorgen um alternde Eltern und den eigenen Nachwuchs bis hin zu Ehekrise, Scheidung und Neubeginn. Über die Listen im ganz eigenen Guy-Browning-Stil wurde der Listen-Erzähler und Anti-Held mir schnell zum Freund. Knapp eine Woche lebte ich mit und fieberte ich mit, dann hatte ich den biografisch anmutenden Roman ausgelesen – leider viel zu schnell. 

Buchcover "Die Listen meines Lebens" von Guy Browning.

Empfehlen würde ich dieses Buch als Pflichtlektüre vor allem Kreativschreibenden mit Humor. Interessant ist seine Machart auch für Menschen, die Ideen suchen, um ihren Lebensweg kreativ nachzuzeichnen. Auch Lesefaule kommen auf ihre Kosten, denn jedes Kapitel besteht aus nur einer Liste mit zehn Unterpunkten – Punkt.

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Gute-Laune-Schreibimpuls

Novemberblues? Ich kann mehrere Liedchen davon singen. Wenn auch noch ein Lockdown hinzukommt, dann … Nichts dann! Der Blues wird dieses Jahr nicht grau, ich denke ihn mir himmelblau! Mit Sonnenschein und Regenbogen am Himmel, rote Himbeeren und Tomaten im Garten, Freude und Freunde im Herzen. Immer wieder mich dran erinnern, mich aufraffen, an die frische Luft gehen, allein oder zu zweit spazieren, vielleicht telefonieren. Mich in Geduld üben, Neues ausprobieren, den Mut nicht verlieren. Deshalb schreibe ich, Tag für Tag – für mich allein im stillen Kämmerlein sowie gemeinsam in geselligen Schreibrunden. Schreiben hilft, probier‘s aus! 

SCHNELLER SCHREIBIMPULS: Eine Liste geht immer! Wie wär’s mit einer Liste nach Art des obigen Listengedichts von Bertold Brecht (1954)? Was sind deine kleinen Freuden des Alltags? Denke nicht lange darüber nach. Lese dir Brechts Gedicht langsam vor, höre dir dabei selber zu. Schließe kurz die Augen und dann schreibe deine persönlichen Vergnügungen in einem Rutsch herunter, als wenn du eine Einkaufs- oder To-Do-Liste schreiben würdest. Bewerte nichts. Jedes Vergnügen, das dir beim Schreiben durch den Kopf geht, hat es verdient, aufgeschrieben zu werden. Lege die Liste beiseite und lese sie dir erst später nochmal durch, am besten laut, damit du seinen Klang wahrnimmst. Jetzt erst darf du hier und da etwas streichen oder ergänzen.

Behalte dein Vergnügungsgedicht in Griffweite, damit du es ergänzen und du dir damit den Alltag immer wieder versüßen kannst ;-)

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