Mit SchreibZeit die Leichtigkeit des Schreibens entdecken

Zwei Tage, ein Raum, viele Texte: Natalie Hahn zeigt im Interview, wie ein klug gestalteter Rahmen Blockaden löst, Ideen freisetzt und Schreibende in den kreativen Flow führt.

Jannechie: Liebe Natalie, zur einfühlsamen Leitung von Schreibwerkstätten haben wir nicht nur die gleiche Weiterbildung absolviert, inzwischen bieten wir ein ähnliches Konzept, das stark von den herkömmlichen Kursen und Workshops abweicht. Magst du deinen Ansatz in deinen Worten zusammenfassen?

Natalie: Erst einmal möchte ich mich herzlich für Dein Interesse an der SchreibZeit bedanken. Die Idee dafür ist aus einem Mangel entstanden, aus der Beobachtung meines eigenen Schreibens und dem Austausch mit Anderen. Ich hörte mir und anderen zu, den Klagen über die Anstrengung, die es Kreativen abverlangt, kontinuierlich und diszipliniert dranzubleiben. Schreibend suchte ich nach dem perfekten SchreibRaum mit unterstützender Atmosphäre zwischen anregender Stille und zurückhaltender Anregung. Dann stieß ich auf Judith Wolfsbergers Memoir „Schafft Euch Schreibräume!“, für mich eine Offenbarung! Daraufhin konzipierte ich die SchreibZeit und fand mit der Melanchthon Akademie einen Bildungsträger in Köln, der die Idee verstand und förderte. An zwei Tagen hintereinander eröffne ich quasi ein Schreibatelier. Die unterschiedlichsten Menschen verabreden sich unter meiner Anleitung mit ihrem Schreibprojekt, ob Kurzgeschichte, Lyrik, Roman oder wissenschaftliche Hausarbeit. Ich initiiere den Schreibprozess, die Gruppe gestaltet ihn mit. Durch die Methoden, Schreibzeiten und Feedbackrunden entsteht eine Stimmung, die die Kreativität und den Schreibfluss fördert. 

Jannechie: Lustig, wie wir auf unterschiedlichen Wegen zu ähnlichen Ergebnissen gekommen sind. Der Unterschied unserer Angebote liegt in der Veranstaltungsdauer und -regelmäßigkeit. Meine Workshops finden einmal im Monat für 2 bis 3 Stunden statt, deine als mehrtägige Schreibzeit – ganz schön lang! Wie ist so Dein Angebot strukturiert, damit keine Längen aufkommen?

Natalie: Ja, mein Angebot sind Intensivtage. Am Anfang gab es die SchreibZeit nur zum Jahresbeginn. Dieses Jahr biete ich das Seminar dreimal an: im Januar, Juni und November. Das Format gibt mir als Schreibbegleiterin Zeit, den Raum der Inspiration zu eröffnen und zu halten. Mit Warmschreibübungen und einer Runde zur Vorstellung der verschiedenen TextWerke oder Ideen, die die Teilnehmenden mitgebracht haben. Das ist mir wichtig, da immer der Prozess im Mittelpunkt steht. Es gibt einen sich wiederholenden Wechsel zwischen Schreibphasen, Austausch, Beratung und Wertschätzung. Dieser Prozess ist intensiv und daher als Zweitagesseminar perfekt.

Jannechie: Für Warmschreibübungen steht im Schreibcafee weniger Zeit zur Verfügung. Dafür gibt es monatlich neue Schreibimpulse, passend zu den Projekten. Wer mag, nutzt sie, um leichter ins Schreiben zu kommen. Ansonsten klingt der Verlauf erfreulich ähnlich, wobei die Schreibenden in zwei Tagen mit ihren Projekten bestimmt viel weiterkommen als in zwei Stunden. 

An solchen Schreibtagen brauchen die Teilnehmenden vermutlich mehr Pausen. Wie verbringen sie die? Sollten alle sich selbst etwas zu essen und zu trinken mitbringen? 

Natalie: Die Melanchthon Akademie versorgt uns mit Wasser, Kaffee, Tee und Keksen. Die Mittagspause lädt dazu ein, mal raus zu gehen und sich in der Südstadt etwas zu Essen zu holen oder einfach an der frischen Luft zu bewegen. Pausen sind sehr wichtig für die Inspiration und den Schreibfluss. 

Jannechie: Bewegung zwischen den Schreibphasen ist eine super Idee. Da kommt mir eine andere Frage. Nicht alle sind so schreibbegeistert wie wir. Was ist mit Leuten, die nicht so gern schreiben, das aus den unterschiedlichsten Gründen aber tun müssen? Die vielleicht sogar unter einer Schreibblockade leiden?

Natalie: Bisher hat sich niemand angemeldet, der oder die nicht gern schreibt. Obwohl die SchreibZeit das Potential hat, Menschen zu unterstützen, ins Schreiben zu finden. Wenn sie zum Beispiel eine wissenschaftliche Hausarbeit erarbeiten müssen. Ich verwende Methoden, die aktivieren, die die verschiedenen Schreibphasen verdeutlichen. Damit kann gezielt entschieden werden, wo und wie anzufangen ist. Die SchreibZeit ist für alle Genres offen, das ist das Spannende für die Gruppe: Weil der Schreibprozess im Fokus steht, können alle etwas mitnehmen.  

Jannechie: Dem kann ich nur zustimmen. Was ist aber mit Leuten, die mal wieder ins Schreiben kommen wollen, denen es an Ideen mangelt? Oder solchen, die eine Idee mitbringen, denen aber die Herangehensweise fehlt, um sie umzusetzen?

Natalie: Durch meine Erfahrung und ständige Weiterbildung bin ich in der Lage, die Teilnehmenden zu unterstützen, Impulse zu setzen, falls sie keine konkreten TextWerke oder Ideen mitbringen und sich Beratung wünschen. Ich höre zu und versuche im Dialog herauszuarbeiten, was von ihnen geschrieben werden möchte. Alle erleben, dass der feste Rahmen an sich inspirierend ist. Die Methoden helfen, Entscheidungen zu treffen. In den Schreibfluss finden sie dann fast wie von allein.

Schreibbegleiterin Natalie Hahn (Foto: privat)

Jannechie: Da höre ich wieder unsere fundierte Weiterbildung in Hückeswagen heraus, sehr sympathisch! Was, wenn Schreibende bei der SchreibZeit auf den Geschmack kommen und weiterschreiben wollen? In Standardkursen schreiben meist alle zum selben Thema. Was machen jene, die sich beim Schreiben nichts vorschreiben lassen wollen und denen es daheim zum Schreiben zu einsam ist oder zu unruhig mit 1000 Ablenkungen?

Natalie: Diese Fragen sind ebenfalls Teil meines Angebots – bzw. das Finden von Antworten darauf für sich. Im Erleben und Beobachten des eigenen Schreibprozesses lernen die Teilnehmenden sich besser kennen. Damit können sie auch ihren Weg ins Schreiben finden, wenn die gemeinsame SchreibZeit in der Melanchthon Akademie vorbei ist.

Jannechie: Klingt gut. Welche Art von Projekten sind in deinen Schreibzeiten entstanden bzw. haben sich dort weiter entfaltet?

Natalie: Von Roman über Kurzgeschichten, Essays bis Lyrik war alles dabei. Natürlich schreibt niemand in zwei Tagen einen Roman. Die SchreibZeit hilft, den Fokus zu setzen. Eine Teilnehmerin arbeitete sogar an einer Homepage und nutzte das Seminar, um ihre Vision davon inhaltlich zu entwickeln. Das „(End-)Produkt“ ist für mich nachrangig, die Ermutigung steht im Mittelpunkt meiner Arbeit. Mir ist es ein Anliegen den Schreibprozess in Gang zu bringen, erfahrbar zu machen, was hilfreich ist, um kreativ sein zu können. Und das hat bisher immer funktioniert, was natürlich auch mit der Gruppe zu tun hat und der Motivation des*der Einzelnen sich einzubringen.  

Jannechie: Wunderbar vielfältig, was es bestimmt auch für dich als Kursleiterin umso interessanter macht. Welches war dein schönstes Schreibzeit-Erlebnis?

Natalie: Das schönste Erlebnis war zugleich das Schlimmste: Durch kurzfristige Absagen schrumpfte die Gruppe vor dem Start so, dass ich mich fragte, ob so noch ein Gemeinschaftsgefühl entstehen würde. Doch ich vertraute auf mein Konzept und die Methoden. Das Ergebnis: Die drei Teilnehmerinnen haben es genossen, intensiv an ihren TextWerken zu arbeiten. Sie haben sich sehr offen über ihre Texte ausgetauscht und zurückgemeldet, dass diese Tiefe gerade durch die kleine Gruppe möglich wurde. Ich sammle bei all meinen Seminaren Glücksmomente ein und freue mich über die Vielfalt der Begegnungen, der Texte und die Zufriedenheit, die alle mitnehmen, weil sie sich die Zeit für sich und ihre Kreativität genommen haben. 

Jannechie: Oh ja, je kleiner die Gruppe, desto intensiver ist der Austausch. Doch auch das tollste Seminar hat ein Ende. Betreust du deine Teilnehmenden hinterher weiter? Wenn sie beispielsweise eine Motivationsspritze brauchen? 

Natalie: Falls ich Fragen im Rahmen des Seminars nicht ausreichend beantworten kann, reiche ich die Antworten per Email nach. Darüber hinaus verweise ich gern auf die Angebote anderer Schreibtrainer*innen. Alles, was Schreibende vorwärtsbringt und was ich kenne, empfehle ich gerne weiter. So wie Dein Angebot. Damit der Prozess weitergehen, das TextWerk fortgeschrieben werden kann. Und natürlich freue ich mich Teilnehmer*innen wiederzusehen, was schon ein paar Mal passiert ist, weil sie erlebt haben, wie wertvoll die zwei Intensivtage für Ihr Schreiben waren. 

Jannechie: Schön, dass Netzwerken uns beiden so wichtig ist. Deshalb dieses Interview, das mich motiviert, mich zu deiner SchreibZeit am 19. und 20. Juni anzumelden. Freue mich aufs Wiedersehen, auf die zwei schreibintensiven Tage und bin gespannt. Vielen lieben Dank für das informative Gespräch!

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Jannechie

Nennt mich gerne Janny oder Jo, meine Pseudonyme wechseln je nach Genre. Schreiben ist neben Lesen meine Leidenschaft, die im Teenie-Alter mit Tagebuch begann, meine Selbstzweifel infolge eines Schul- und Sprachwechsels kaum überlebte und durch ein Zeitungspraktikum wiederbelebt wurde. In Schreibwerkstätten lernte ich das Handwerkszeug. Seitdem habe ich viel geschrieben und einiges veröffentlicht. Je nach Laune und Erfordernis schreibe ich fiktiv, journalistisch, lyrisch oder belletristisch - egal was, es macht mir einen Riesenspaß.

Ein Gedanke zu “Mit SchreibZeit die Leichtigkeit des Schreibens entdecken”

  1. Und das Besondere im Sommer: wir bekommen einen zweiten Raum mit einer Dachterrasse als Outdoor-SchreibRaum. Besser geht es nicht.

    Seid gerne dabei.

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