Elfter September Zweitausendeins

Weißt du noch, was sich am 11.09.2001 in deinem Leben ereignete? Hier meine Erinnerungen an einen Tag, der weltweit Vieles änderte:  

RÜCKBLICK. Arbeit stapelte sich auf unseren Schreibtischen. Frau Janus hatte ‚Wichtigeres‘ zu tun: Mit lauten Kommentaren ließ sie alle daran teilhaben, wie sie im Internet irgendwelche News-Seiten aufrief. Während der Arbeitszeit ist es uns nicht erlaubt im Internet zu surfen, das galt auch für Frau Janus. Miese Arbeitseinstellung, dachte ich. Aber sie konnte es sich erlauben, schließlich war sie zwanzig Jahre länger in dieser Firma angestellt und meine Vorgesetzte. „Da ist was Schlimmes passiert in den USA! Ich kann es kaum aufrufen, die Server sind überlastet …“Als ob wir dafür bezahlt würden.

„Da, ich hab was!“ Ich stellte mich neben sie, betrachtete ihren Bildschirm und heuchelte Interesse. Wie in Zeitlupe baute sich das Bild auf. Zwei Türme vor strahlend blauem Himmel. Das World-Trade-Center, das ich im Jahr zuvor während einer Reise in die USA besichtigt hatte. Einer der beiden Türme qualmte im oberen Drittel. Menschen, klein wie Ameisen, versammelten sich auf dem Dach und hüpften hinunter. Wie Insekten. Die meisten Insekten können fliegen – Ameisen normalerweise nicht, Menschen auch nicht. Unmöglich, weltweit lassen die Menschen sich von dieser Computeranimation manipulieren! Das sagte ich nicht, sondern tat betroffen. Vor allem, als ein silbrig glänzendes Flugzeug den Sommerhimmel im Bild durchquerte, sich dem zweiten Turm näherte und ihn durchbohrte. Das konnte und durfte nicht echt sein, niemals! „Wir machen Schluss für heute. Wer weiß, was gleich noch alles passiert.“

Warum sollte ich weiterarbeiten, während meine Chefin diese reißerischen Bilder als Vorwand für einen vorzeitigen Büroschluss nutzte? Auf dem Heimweg hatte ich Mühe, mich auf den Verkehr zu konzentrieren. Andauernd sah ich diese brennenden Türme vor mir, diese herabstürzenden Ameisenmenschen. Ich zitterte. Meine Finger rutschten fast vom Lenkrad. Ich wollte nur noch nach Hause, mich in Micks Arm kuscheln, mich von ihm trösten und beruhigen lassen.

Mick war nicht da. Das war noch nie vorgekommen, dass ich vor ihm von der Arbeit zurück war. An seiner Statt empfing mich das Chaos. Über den Boden verstreut lagen Schuhe, Kleidungsstücke, Kaffeetassen, Bücher, Papierberge. Niemand hatte bei uns eingebrochen, niemand hatte bei uns aufgeräumt. Ich hasse Unordnung! An diesem Tag suchte ich nur nach der Fernbedienung, setzte mich zwischen die häuslichen Müllberge und starrte auf den Fernseher. Alle Programme zeigten die brennenden Türme, nun aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Echte Menschen rannten um ihr Leben, als ein Turm nach dem anderen wie ein Kartenhaus einstürzte. Ich konnte nicht denken, mich nicht bewegen. Mit offenem Mund und starrem Blick empfing ich meinen Schatz, als er endlich heimkam. Inzwischen war es draußen dunkel geworden. Mick holte uns aus der Küche ein Bier und setzte sich zu mir. Er tröstete mich, ich tröstete ihn. Der Fernseher störte. Ich schaltete ihn aus. Wir redeten die ganze Nacht durch über die Ereignisse, über unser Leben und unsere Welt, die nie mehr so sein würde, wie sie mal war.

Einen Monat später heirateten wir.

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Impro-Theater & Schreiben: Wie ich Gefühle neu entdeckte

Was passiert, wenn ein Büchermensch sich mitten unter leidenschaftliche Impro-Fans wagt? Zwischen Lampenfieber, Hühner-Tanz und überraschenden Tränen entdeckte ich, wie lebendige Emotionen nicht nur auf der Bühne, sondern auch im eigenen Roman entstehen. Begleite mich auf einen ungewöhnlichen Weg, der Schreibblockaden löst und neue Inspiration bringt. 

Wie bin ich bühnenscheue Vielschreiberin in diesem Impro-Theaterworkshop gelandet? Zum Glück war ich bei der Vorstellungsrunde als letztes dran. Vor mir outete sich eine Teilnehmerin nach der anderen – wir Frauen waren wieder in der Überzahl – als absoluter Impro-Fan. Eine von ihnen beginnt demnächst sogar eine professionelle Schauspielausbildung. Auweia!

Und ich? Bin nur hier wegen meines Romans, dessen Rohfassung ich derzeit überarbeite. Dabei stolpere ich über so Floskeln wie „Sie freute sich.“ Alles nur Platzhalter. Denn beim Lesen meines fertigen Buches – irgendwann einmal – sollst du die Gefühle meiner Romanfiguren quasi erleben und mitfühlen können. Nur dann kannst du in meine Romanwelt eintauchen, nur dann alles andere um dich herum vergessen. Da reicht es nicht, wenn ich die Gefühle nur benenne. Spätestens jetzt, beim Überarbeiten, muss ich mich voll und ganz in die Gefühle meiner Figuren hineinversetzen. Dabei auch die richtigen Worte finden. Das fällt mir schwer. Deshalb dieser Theaterworkshop. Im VHS-Programm hieß es dazu: „Tauchen Sie ein in die Welt der Emotionen und lernen Sie, authentische Gefühle auf der Bühne zu zeigen!“ Weiter las ich nicht. Nun hörte ich, dass alle um mich herum heiß darauf waren, auf der Bühne zu improvisieren. Da musste ich jetzt durch. Ganz so schlimm würde es vielleicht nicht werden, wo alle anderen doch so begeistert waren – allen voran Kursleiterin Sarah Heinrigs. Neben ihrem Beruf als TV-Journalistin folgt sie ihrer Berufung als Improvisationskünstlerin, Regisseurin und Schauspielerin mit festem Ensemble.

Viele lustige Aufwärmspiele im Kreis halfen mir, meine Scheu zu überwinden. 

„Und jetzt tanzt alle wie ein Huhn, so richtig schön zum Fremdschämen.“ Sarah zog eine Schnute, gluckste, knurrte, gackerte, winkelte die Arme und nickte bei jedem Schritt. „Möglichst peinlich, das baut Hürden ab.“ 

Aha, wie beim Kreativen Schreiben. Auch da tun wir Schreibenden alles Mögliche und Unmögliche, um den inneren Zensor auszuschalten. 

Endlich würden wir nun lernen, wie wir durch Tricks authentisch Gefühle fühlen können.

Dafür gingen wir zur Musik kreuz und quer durch den Raum. Denn, so Sarah: „Emotionen entstehen hauptsächlich über die Bewegung.“

Mal sollten wir nur auf den Fußballen gehen, mal auf den Fersen. Mal sollten wir uns von unserer Stirn führen lassen, mal von unseren Knien, mal von den Lippen, den Augen, vom linken Ohr. Immer wieder sollten wir dabei unsere Gefühle wahrnehmen. Je nachdem, wie ich mich bewegte oder welches Körperteil mich führte, kam immer wieder ein anderes Gefühl in mir hoch. 

Sarah erklärte: „Nach der Gefühlsstromtheorie von Gunter Löffel strömen die Gefühle durch den Körper. Der Wutstrom zieht vom Bauch über die Brust hinauf und über die Stirn nach außen. Freude geht durch den gleichen Kanal wie Wut, zieht dann aber nach oben raus. Traurigkeit und Trauer bauen sich langsamer auf. Sie beginnen wie erdrückender Regen und ziehen dann den Körper nach unten. Ähnlich tropfend beginnt der Angststrom an den Fersen, kriecht hintenrum hoch und setzt sich hinten am Kopf fest.“ 

Mit einer Methode von Viola Spolin, der Pionierin des Impro-Theaters, entstehen Gefühle über das Hineinfühlen in eine Situation. Dafür sollten wir durch den Raum gehen und uns auf das Gehörte einlassen. Sarah beschrieb einen Garten, durch den wir gingen. Sie erklärte, was wir sehen, hören, riechen und fühlen konnten, was uns gerade Schlimmes passiert war. Hinterher hatte ich Tränen in den Augen und einen Kloß im Hals. Ähnlich geht es mir, wenn ich bestimmte Romanszenen schreibe.

Für eine weitere Übung sollten wir uns in Zweiergruppen gegenseitig Erlebnisse erzählen, bei denen ein starkes Gefühl dominiert hatte. Beim Erzählen wie beim Zuhören sollten wir darauf achten, uns möglichst tief in das Erzählte hineinzufühlen. Immer wieder auf Zuruf sollten wir die Gruppe wechseln. Je größer der Zeitdruck, desto alltäglicher wurden die Geschichten. Desto feiner und abwechslungsreicher wurden die Emotionen, die ich beim Zuhören empfand. Wieder eine Parallele zum Kreativen Schreiben: Zeitdruck baut Hemmungen ab und lässt die Kreativität fließen. Dazu Sarah: „Wenn authentisch vorgetragen, sind es die leisen Gefühle, die beim Publikum nachwirken.“ Ob das auch fürs Schreiben gilt?

Um uns auf gefühlsintensives Impro-Theater einzustimmen, sollten wir zu zweit Geschichten erfinden. Vorher wurde sich auf ein Gefühl geeinigt, in das wir uns beim Erzählen hineinsteigerten. A gab einen ersten Satz vor, wie „Paul ekelte sich vor Ameisen.“ B sollte darauf antworten mit „Ja, und dann …“ Darauf dann A mit „Ja, und dann …“ Und so weiter. Ja, es entstanden Geschichten, aber es fehlte etwas. Genau: deren Darstellung auf einer Bühne. Oder, wie ich es beim Romanschreiben nennen würde: Es fehlte das Drumherum, das dem Erzählgerippe Fleisch gibt.

Auch beim Bühnenspiel einigten wir uns vorab immer wieder auf ein vorherrschendes Gefühl. Dann auf ein Setting, beispielsweise Zoo. A sollte die Szene mit der Emotion und dem Setting etablieren, damit das Publikum sich orientieren konnte. Dann erst sollte B einsteigen und die Geschichte ihren Lauf nehmen.

Nach einer Methode der Theaterwissenschaftlerin Beatrix Brunschko wurde nur die Emotion vorgegeben. A sollte dann auf der Bühne eine simple Bewegung immer wieder wiederholen. B sollte hinzukommen und Bewegung und Mimik von A imitieren, während A B imitiert. Beide sollten sich beim gegenseitigen Spiegeln durchweg anschauen. Spontan kam Dialog hinzu und es wurde spannend und interessant … 

Bei diesem „Ameisenprinzip“ oder auch „Follow the Follower“ folgt jeder und jede Spielerin aufmerksam den Impulsen der anderen, ähnlich wie die Ameisen, die sich an den Bewegungen ihrer Artgenossen orientieren. Faszinierend, aber wie kann ich dieses Prinzip aufs Schreiben übertragen? Bei Gelegenheit oder Bedarf lasse ich mir dazu etwas einfallen. 

Bei einer Variation dieser Follow-the-Follower-Methode setzten sich zwei Personen einander gegenüber, schauten sich aber nicht an. Stattdessen konzentrierten sie sich jeweils auf ein Gefühl ihrer Wahl. Beispielsweise stellte A sich auf Freude ein, B auf Wut. Auf Kommando schauten beide sich gegenseitig an und verharrten. A nahm Bs Wut wahr, B As Freude. Langsam, aber gleichzeitig, spiegelten sie sich dann gegenseitig, jede einzelne Regung. Im Nachhinein bedauere ich, dass ich mich bei dieser letzten Übung nicht als eine der beiden Freiwilligen gemeldet habe, die diese Variation ausprobieren. Denn bestimmt hilft diese intensive Spiegelung jeder einzelnen Regung, Gefühle tief zu ergründen. 

Mein Fazit: 

Je intensiver ich Gefühle in mir selbst zum Erklingen bringen kann, desto besser kann ich sie als Impro-Spielerin zeigen und desto besser kann ich sie auch als Autorin auf Papier bringen. Dabei hilft ein gutes Einfühlungsvermögen – genau das haben wir trainiert in diesem Gefühlstheaterworkshop. Nicht nur das. Übers ganze Wochenende fühlte ich mich so, wie ich den Workshop empfunden hatte: gutgelaunt, springlebendig und mit allen und allem verbunden. Impro-Theater hat einen gesunden Suchtfaktor. Mit meiner Anmeldung zum nächsten Impro-Workshop muss ich mich beeilen. Die VHS-Workshops von Sarah Heinrigs sind oft viel zu schnell ausgebucht – nicht ohne Grund. 

(Beitragsbild mit freundlicher Genehmigung von Sarah Heinrigs persönlich)

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Die Listen meines Lebens

REZENSION. Rückblickend frage ich mich, warum Guy Brownings Roman so lange in meinem Regal warten musste, endlich von mir gelesen zu werden. Inzwischen bin ich fasziniert, wie der Britische Autor mittels Zehnerlisten ein ganzes Leben kurzweilig und humorvoll nachzeichnet. Das Buch mit den 212 Listen hatte ich als Anschauungsmaterial für meine kreative Schreibwerkstatt gekauft. Allein schon sein Klappentext würde meine Teilnehmenden zur Kreativitätstechnik des Listen-Schreibens motivieren:

1. Jeder führt sie: Listen. 
2. Dies ist ein Roman – ausschließlich erzählt in Listen.
3. Für alle, die ohne Listen nicht überleben können. 
4. Und für alle, die sich fragen, wie das eigene Leben in zehn Stichpunkten aussehen würde. 
5. In etwa so!
6. Vom Schulhof über die erste Liebe, Ehe und drei Kinder bis zum Neubeginn – ein Leben in Listen.
7. Wir erfahren von den kleinen Katastrophen genauso wie von den großen Glücksmomenten.
8. Das ist lustig, oft sehr rührend und manchmal sogar ein bisschen weise.
9. Für die Leser von «Adrian Mole» und Nick Hornby.
10. Und in jedem Fall: Ein Roman für alle Helden des Alltags. 

Als Bettlektüre zog ich privat zunächst doch die gewohnte Prosa vor. Zu Unrecht! Denn Guy Brownings „Die Listen meines Lebens“ sind keineswegs nüchtern und sachlich geschrieben, wie man es von Listen vermuten könnte. Zusammen mit ihren Überschriften strotzen sie vor Humor und Selbstironie. Als Beispiel die Listen-Überschrift „Warum ich bei Konfrontationen so schlecht bin“ und dazu so sympathische Antwortpunkte wie „Ich kann meine eigene Meinung nicht ernst genug nehmen, um sie zu verfechten.“ (Punkt 2) und „Die Welt ist voller Probleme. Meine Hähnchennuggets sind kalt. Na und?“ (Punkt 3). Mit zunehmender Faszination begleitete ich diesen kurzweiligen Ich-Erzähler vorm Einschlafen durch seine Listen: von seiner Schulzeit über Pubertät und Liebschaften zum Berufseinstieg, zu großer Liebe und Liebeskummer, von der Hochzeit über Sorgen um alternde Eltern und den eigenen Nachwuchs bis hin zu Ehekrise, Scheidung und Neubeginn. Über die Listen im ganz eigenen Guy-Browning-Stil wurde der Listen-Erzähler und Anti-Held mir schnell zum Freund. Knapp eine Woche lebte ich mit und fieberte ich mit, dann hatte ich den biografisch anmutenden Roman ausgelesen – leider viel zu schnell. 

Buchcover "Die Listen meines Lebens" von Guy Browning.

Empfehlen würde ich dieses Buch als Pflichtlektüre vor allem Kreativschreibenden mit Humor. Interessant ist seine Machart auch für Menschen, die Ideen suchen, um ihren Lebensweg kreativ nachzuzeichnen. Auch Lesefaule kommen auf ihre Kosten, denn jedes Kapitel besteht aus nur einer Liste mit zehn Unterpunkten – Punkt.

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10 Fragen an Oliver Buslau

Von erfolgreichen Profis lernen, wie es geht, wie man dranbleibt und mehr. Mit dieser Idee wandte ich mich an den Autor, Journalisten, Komponisten und Musikwissenschaftler Oliver Buslau

Als Gründer und bis 2016 Herausgeber des Magazins TextArt hat er Schreibinteressierte wie mich nachhaltig fürs kreative Schreiben begeistert. Beim Blättern und Lesen der TextArt spürte man Buslaus Schreibbegeisterung, die ihm weiterhin Erfolge beschert: 15 Buchveröffentlichungen (neben vielem Anderen), davon 11 Lokalkrimis mit dem Privatdetektiven Remigius Rott. Seinen neuesten Rott „Bergisches Roulette“ werde ich wohl wieder zu schnell ausgelesen haben. Seine Antworten auf meine 10 Fragen lese ich voraussichtlich mehrmals, denn da steckt so viel drin – überzeugt euch selbst …

1. Wer oder was hat dich zum Schreiben gebracht?
Wahrscheinlich war es mein Vater. Er war in meiner Kindheit Lokalreporter bei einer Tageszeitung. Ich fand es als Kind schön, wie er an der Schreibmaschine zu sitzen (Computer gab es noch nicht) und die kleinen Sachen, die ich zum Beispiel für die Schule geschrieben habe, zu tippen. Irgendwann habe ich dann auf diese Weise auch Eigenes zu Papier gebracht. Mich reizt am Schreiben nicht nur das Ausdenken des Inhalts, sondern auch der Schreibvorgang an sich, das „Zu-Papier-Bringen“. Am liebsten mit einer Tastatur, nicht so gerne mit der Hand.

2. Wie sieht dein perfekter Schreibtag aus?
Wenn ich an einem Projekt in der Phase bin, dass ich Text schreibe, also nicht (was ich sehr ausführlich vorher mache) plane, dann schreibe ich am Vormittag ab 10 Uhr mindestens zehn Manuskriptseiten, was ich normalerweise bis zum Mittag hinkriege. Wenn nicht, dann arbeite ich so lange weiter, bis die 10 Seiten stehen. In dieser Zeit bin ich absolut unansprechbar für die Außenwelt. Der Nachmittag ist für Organisatorisches, für Nachrecherchen und weiteres Planen reserviert. Der Arbeitstag geht so bis gegen 19, 20 Uhr. Ich bin kein Nachtarbeiter und auch kein „Flowarbeiter“, der zu schreiben beginnt und irgendwann plötzlich zu sich kommt und sieht, dass der Tag rum ist.

3. Wie lange arbeitest und schreibst du im Durchschnitt an einem Buch?
Das ist schwer zu sagen. Bei den recherchetechnisch weniger ambitionierten Büchern wie zum Beispiel meinen Lokalkrimis brauche ich ungefähr von der allerersten Planung bis zur Abgabe ein halbes Jahr. Große Projekte wie mein historischer Roman „Feuer im Elysium“ haben viel mehr Zeit benötigt. Da habe ich für die Recherche und die Planung der Handlung schon mehr als ein ein Jahr gebraucht, für das eigentliche Schreiben ein weiteres. Man darf aber nicht vergessen, dass damit die Arbeit noch nicht beendet ist. Es gibt ja noch die Lektoratsdurchgänge nach der Prüfung des Manuskripts durch den Verlag. Die können auch noch mal zeitaufwändig sein. Ich schreibe ja auch Heftromane für die Jerry-Cotton-Reihe mit etwa 120 Normseiten Umfang, für die ich jeweils etwa zwei Wochen veranschlage.

4. Was hält dich am erfolgreichsten vom Schreiben ab?
Meistens das Lesen. Dann das Nachdenken über Bücher, die man schreiben könnte. Ich habe viel, viel mehr Pläne und Exposés in der Schublade als es wirklich umgesetzte Projekte gegeben hat. Manchmal nagt das ein bisschen an mir, denn ich denke, ich hätte doch die Zeit statt für die Planungen auch für das Schreiben von wirklichem Text verwenden können. Und ich bewundere Autorinnen und Autoren, die so einfach drauflosschreiben können. Ich hätte zu viel Angst, steckenzubleiben. Dann wird mir klar, dass auch die unrealisierten Pläne für mich Stationen auf dem Weg zu den wichtigen Projekten sind. Trotzdem muss man aufpassen, dass man sich nicht mit dem Planen vom Schreiben selbst ablenkt. Ich beschäftige mich auch gerne mit der handwerklichen Seite des Schreibens, lese also Bücher über dramaturgische Modelle, über Kreativitätstechniken und so weiter, die ich dann auch gerne ausprobiere. Diese Art der Weiterbildung ist sehr wichtig, kann aber auch selbst wieder zu einer Schreibvermeidungsstrategie werden – und zu einer besonders perfiden dazu. Man glaubt ja, man würde sein Schreiben voranbringen, aber dem ist nicht so. Das Maß aller Dinge ist stets der zu Papier gebrachte Text, der Output, nichts anderes. 

10 Fragen

5. Wie motivierst du dich kurzfristig und langfristig, ein Buch zu Ende zu schreiben?
Das geht nur durch klare Pensumsplanung. Ich teile das Projekt in einzelne Schritte auf und lege realistisch fest, bis wann ich was geschafft haben kann. In der Schreibphase, die recht spät auf dem Plan steht, schreibe ich die täglichen zehn Seiten, und das jeden Tag aufs Neue. Ich belohne mich nicht, wenn ich mal mehr geschrieben habe, und ich bestrafe mich nicht, wenn es dann doch mal nicht klappt und vielleicht nur bei fünf Seiten bleibt. Früher war mein Pensum übrigens geringer. Es lag ganz am Anfang bei drei Seiten, dann habe ich jahrelang mit fünf gearbeitet, nun eben zehn. Es kommt aber gar nicht auf die Menge an, sondern auf die Regelmäßigkeit. Ich schreibe in dieser Phase meinen Text so gut es geht. Das entscheidende Ziel ist durchzukommen. Überarbeitet wird später. Ich lese während der Phase auch nicht noch mal das, was an den Vortagen entstanden ist, es geht nur in eine Richtung, nämlich voran. Für die Prüfung ist in der Planung ja dann auch noch Zeit vorgesehen. In jeder Phase lege ich den Fokus auf das, worauf es gerade am meisten ankommt: Recherche, Figuren, die einzelnen Teile der Handlung, Nachrecherche, detaillierte Szenenplanung, dann das Schreiben des eigentlichen Manuskripts, Überarbeitung etc.

6. Was tust du, um eine Schreibblockade zu lösen?
Ich wende Salamitaktik an. Ich konzentriere mich auf den kleinsten Schritt, der nötig ist, und gehe ihn. Fast immer kann man dann auch den nächsten gehen. Ich analysiere, wo das Problem liegt, grenze es ein und löse es. Fehlt mir eine Information für meine Geschichte? Ich beschaffe sie. Kenne ich einen Schauplatz zu wenig? Ich gehe hin und schaue ihn mir an. Oder, wenn es nicht geht, besorge ich wenigstens Fotos, Videos und Beschreibungen und lerne ihn auf diese Weise kennen. Ist die Motivation einer Figur unklar? Ich frage mich, was ihr wichtigstes Ziel ist und was sie an der Stelle der Handlung, an der ich steckengeblieben bin, machen würde und schreibe dann, wie sie das tut. Habe ich zu wenig Zeit? Ich schreibe nur einen Satz, aber den auf jeden Fall. Weiß ich nicht, wie ich eine Szene beginnen soll? Ich fokussiere mich auf das erste, was in der Szene passieren muss, damit die Geschichte funktioniert, und schreibe es hin. Und so weiter. Wirkliche Schreibblockaden habe ich, ehrlich gesagt, noch nie erlebt. Es steckt meiner Erfahrung nach immer was anderes dahinter: Zeitmangel, Vorbereitungsmangel, Angst … Alles verständlich, aber lösbar.

7. Was empfiehlst du Menschen, die ein Buch schreiben wollen?
Sie sollten sich erst mal klar machen, was das für ein Buch werden soll. Dann sollten sie sich Bücher anschauen, die irgendeine Ähnlichkeit mit dem geplanten haben – also Bücher derselben Genres zum Beispiel. Die sollte man lesen. Wenn es nicht nur um ein Buch gehen soll, sondern man das Schreiben als Lebensweise kultivieren machte, sollte man stets viel für sich selbst schreiben – egal über was, egal wie gut. Oft wird vergessen, dass Schreiben auch eine körperliche Tätigkeit ist, an die man sich gewöhnen muss. In meiner Anfangszeit haben mir dabei die Bücher von Natalie Goldberg (zum Beispiel „Schreiben in Cafés“, der Titel ist ein wenig irreführend) geholfen, die das „Automatische Schreiben“ propagiert und einem so die Angst vor dem weißen Blatt nimmt. Dazu noch ein Ratschlag, der vielleicht seltsam klingt, aber viel bringt: mal einen Monat lang täglich vier Seiten aus Büchern, die einem gefallen, abschreiben – und zwar mit der Hand. Dabei geht es nicht ums Klauen, sondern um „schreibendes Lesen“, das einen großen psychologischen Effekt hat. Man versteht nämlich die Texte und deren Machart viel besser. Das ist übrigens eine Technik aus der Musik: Selbst die größten Komponisten haben Werke der von ihnen bewunderten Kollegen abgeschrieben, und auf diese Weise analysiert – Mozart und Beethoven haben zum Beispiel auf diese Art viel von Johann Sebastian Bach gelernt. Raymond Chandler hat die Übung variiert: Er hat ein Kapitel eines anderen Autors zusammengefasst und auf die wesentlichen Informationen reduziert. Dann hat er diese Zusammenfassung weggelegt, ein paar Tage gewartet, sie wieder rausgeholt und dann – natürlich ohne das Original anzuschauen – selbst geschrieben, als wenn er der Autor wäre. Diesen Text hat er daraufhin so gut es nur ging überarbeitet, ihn also nach seinen Möglichkeiten perfekt gemacht. Dann folgte der Vergleich mit dem ursprünglichen Text. Ich kann das nur empfehlen. Es gehen einem die Augen auf.

8. Was macht für dich ein gutes Buch aus?
Das kann ich so einfach nicht sagen. Jedenfalls ist es nicht die Befolgung irgendwelcher dramaturgischer „Regeln“. Ich erkenne es, wenn ich es lese.

9. Was magst du besonders am Beruf des Autors?
Wenn es finanziell einigermaßen funktioniert, ist es für mich der ideale Beruf. Ich arbeite sehr gerne alleine und freiberuflich, lerne aber trotzdem gerne die verschiedensten Wissensgebiete kennen, tauche gerne in verschiedene Welten ein, organisiere aber meine Pläne und deren Umsetzung gerne selbst. Und das Schreiben an sich ist mir ein so angenehmer Vorgang, dass ich es auch tun würde, wenn es nicht mein Beruf wäre. Was mich auch reizt, ist die Einstellung, dass man als Autor den Leserinnen und Lesern eine wirklich gute Show liefert. Ich stelle mir manchmal vor, mit dem Roman- oder Kapitelbeginn, den ich gerade schreibe, ginge ein Vorhang auf, und ich kann nun bestimmen, was auf der „Bühne“ passiert, ich kann die Aufmerksamkeit der Menschen, die das Buch in der Hand halten, lenken.

10. Was wünscht du dir von der Leserschaft?
Dass sie mir genau das ermöglicht, was ich in der vorigen Frage als Antwort gegeben habe. Und das tut sie zum Glück, wofür ich sehr dankbar bin.

Fußnote: Das Autoren-Foto stammt von Susanne Prothmann.

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Haiku – mehr als ein heiterer Vers

Als ich vor Jahren in einer Schreibwerkstatt mein erstes ‚Haiku‘ schreiben sollte, ahnte ich nicht, wie sehr diese japanischen Kurzgedichte mich mal beschäftigen würden. Mit Lyrik hatte ich nie was am Hut gehabt. Nun sollte ich einen besonderen Moment in drei Sätze mit insgesamt siebzehn wohlklingenden Silben packen. Und das auch noch möglichst einfach und konkret. Wie eine Kombination aus Kreuzworträtsel und Sudoku erschien mir die Übung. Was dabei herauskam, las ich lieber nicht vor. Während manch ein Haiku der anderen Kursteilnehmer mich verzauberte, kamen meine Zeilen mir gekünstelt, dumm und langweilig vor.

Schreib drei Zeilen,


siebzehn Silben insgesamt,


im Jetzt, einfach und konkret.

Als ‚Vers mit heiter skizzierter Pointe‘ übersetzte unsere Dozentin Petra Harzheim das japanische Wort ‚Haiku‘. Im 16. Jahrhundert sei es gemäß dem Sachwörterbuch der Literaturaus dem scherzhaften Kettengedicht hervorgegangen. „Eine andere Art von Humor als bei uns Europäern“, dachte ich, behielt es aber für mich. Ob heiter oder nicht, mich überzeugte die Erklärung, wie Haiku-Übungen unser Gefühl für Sprache trainieren: „Das Zählen von Silben zwingt uns ständig abzuwägen, welches Wort in seiner Bedeutung, seiner Länge und seinem Klang am besten in die jeweilige Zeile passt.“

Auf dem Heimweg ertappte ich mich dabei, Silben zählend die Fahrbahn, das Wetter und des Nachbars Katze in Haiku-Form zu pressen. Bevor ich mir später den Mantel auszog, hielt ich die Zeilen von unterwegs in meiner China-Kladde fest. „Was stehst du da im Flur?“, rief mein Mann aus der Küche, „Komm doch rein!“ Als Antwort las ich ihm mein Haiku vor:

Regenwolkengrau:

Straßen, Autos, Katzen.

Mein Tag: Himmelblau!

Was hatte ich erwartet? Nichts Anderes als diesen irritierten, mitleidigen Blick. Mein Haiku verzauberte niemanden, nur mich. Wobei mich mehr der Schaffensprozess als Klang und Inhalt des Haiku begeisterten. Bei meinen eigenen Haiku-Versuchen ist das heute noch so. Haiku schreibend kann ich mich prima entspannen und von Grübeleien ablenken – fast immer und fast überall: Während ich im Supermarkt an der Kasse oder im Regen auf den Bus warte, während eines Waldspaziergangs oder wenn ich abends nicht einschlafen kann. Ist weder Stift noch Notebook zur Hand, trainiere ich Haiku dichtend zusätzlich mein Gedächtnis.

Die Spinne 

stürzt hinabund schaukelt

am seidenen Faden.

Was mich bei fremden Haiku fasziniert, wurde mir bewusst, als die Monatsaufgabe der Online-Schreibwerkstatt Fiction-Writing vor anderthalb Jahren verlangte, ein eigenes Haiku zu schreiben und die meiner Mitschreiberlinge zu kommentieren. „Wie machen die das?“, fragte ich mich wieder, wenn Haiku-Zeilen in meinem Kopf nach hallten. Durch das Kommentieren dieser Haiku erkannte ich deren Gemeinsamkeiten. Zum Einen waren es für mich die Interpretationsspielräume und Diskussionen darüber, die ein Haiku ‚leuchten‘ ließen. Sie verleiten den Leser zu sinnieren, zu philosophieren und zu träumen. Manch ein Haiku wird so zum Spiegel der Seele. Zum Anderen war es dieser inhaltliche Bruch inmitten einiger Haiku. Dieser Holzweg, auf den man sich beim Lesen der ersten beiden Zeilen begibt, um nach der letzten Zeile wie ein Fragezeichen dazusitzen.

Knospen platzen auf,

entfalten Schönheit und Duft,

bleiben im OP …

Wer seine Haiku – statt sie in Schubladen zu sammeln – mit Anderen teilen will , findet im Internet vielfältige Möglichkeiten. Bei Haiku-heute wird monatlich eine Auswahl eingesandter Haiku ins Netz gestellt, wobei jeder Texte einreichen kann. Nicht nur im Internet, sondern auch in einer Vierteljahreszeitschrift und in Buchform können Mitglieder der Deutsche Haiku-Gesellschaft ihre schönsten Kurzgedichte veröffentlichen lassen. Ein reger Austausch von Haiku und deren Interpretationen findet in einer Vielzahl spezieller Online-Foren statt, wobei als Beispiel die Haiku-Werkstatt des Hamburger Haiku-Verlags genannt sei.

Auf den Homepages der genannten Organisationen wie an vielen weiteren Stellen im Web findet sich eine Fülle an Ratschlägen, wie man Haiku besonders gut oder besonders schlecht schreiben kann. Statt das alles zu wiederholen, halte ich hier nur die mir wichtigsten drei Punkte fest:

  1. Lockerung der Zeilen- und Silbenvorgabe. Bis um die Jahrtausendwende galt für deutsche Haiku wie im Japanischen die starre Vorgabe 5-7-5 Silben. Da aber siebzehn Japanische Lauteinheiten dem Informationsgehalt von zehn bis vierzehn deutschen Silben entsprechen, passt die strenge Vorgabe auf Dauer nicht zum hiesigen Sprach-Rythmus. Deshalb hat es sich beim Großteil der geübten Haiku-Fans eingebürgert, ohne Verlust des Gedankengangs oder des gezeigten Bildes mit weniger als siebzehn Silben auszukommen.
  2. Lockerung inhaltlicher Vorgaben. Klassische Haiku-Definitionen verlangen einen Bezug zu Natur und Jahreszeiten. Zwar bietet diese Vorgabe viele Möglichkeiten, zugleich begrenzt sie unnötig die Auswahl an Themen unserer Zeit. Für wichtiger als diesen Naturbezug halte ich die Festlegung von Haiku auf einfache Momentaufnahmen, die ohne Belehrungen und Erklärungen auskommen.
  3. Interpretationsspielräume. Dem Gütesiegel ‚Haiku‘ gehorchen offene Texte, die für die Leser inhaltlich nachvollziehbar sind, obwohl sie nicht alles benennen und erklären und erst recht nicht werten und kommentieren. Die Leser sollen den Zusammenhang zwischen verschiedenen konkreten Bildern desselben Haikus selbst herstellen und den Text durch eigene Gedanken und Assoziationen vervollständigen können – so entfaltet das Haiku sich im Leser und ‚leuchtet‘.

Ratschläge für besonders heitere oder gar lustige Verse sind mir leider noch nicht begegnet. Dafür habe ich bei meinen Recherchen heute endlich mal über ein Haiku lachen können:

Zooausbruch bei Nacht 

Über den Zebrastreifen

schreitet ein Löwe

Bücher mit und über Haiku gibt es wie Sand am Meer. Belletristische Bücher, in denen Haiku eine besondere Rolle spielen, habe ich bisher aber nur zwei gefunden: In seinem Thriller „Stimmen der Angst“ spielt Bestseller-Autor Dean Koontz sehr lesenswert mit Sprache und ‚mörderischen Haiku‘. Mehr was für ‚Schöngeister‘ scheint laut Amazon-Kundenrezensionen Denis Thériaults Liebesroman „Siebzehn Silben für die Ewigkeit“ zu sein – schon gelesen?

Schreibanregung zur persönlichen Haiku-Sammlung: Nimm Stift und Kladde zur Hand, schreibe den Satz „Ich jetzt und hier …“ und lasse anschließend deine Gedanken dazu 5 Minuten lang ununterbrochen und wertfrei auf Papier fließen. Dein Stift schreibt und du schaust ihm zu und folgst dabei deinen Gedanken. Dann liest du deinen Text und unterstreichst alles, was dir darin besonders und wichtig erscheint. Anhand des Unterstrichenen bastelst du dir dein persönliches „Haiku des Tages“. Tägliche Übung macht dich sprachlich wendiger und fitter und beschert dir eine poetische Sammlung, die dir so viel mehr sagt und gibt als das, was da steht.

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Pageturner gegen das Vergessen

REZENSION. Beim Titel „NSA“ dachte ich sofort an das Amerikanische Überwachungsprogramm. In Andreas Eschbachs Roman steht „NSA“ hingegen für „Nationales Sicherheitsamt“, dem (fiktiven) Bundesnachrichtendienst der zwanziger und dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die „NSA“ hortet IT-Daten und arbeitet daran, sie „sinnvoll“ auszuwerten. Eschbach lässt Fluch und Segen der IT-Technologie gut 50 Jahre früher die Geschichte mitprägen. Sein Protagonist Arthur bezeichnet einen solchen Anachronismus als „Spekulative Geschichte“ und erklärt, „dass man die Bedeutung eines bestimmten historischen Ereignisses erst dadurch richtig einschätzen kann.“ Die Weimarer Republik und die Ausbereitung der Nazis wirken dadurch hochaktuell. Geschichte ist nicht mehr nur Geschichte, sondern sie wird zu einer herannahenden Bedrohung.

Indem Eschbach das Programmieren in Nazi-Deutschland zur Frauenarbeit erklären lässt, hält er uns Lesern des 21. Jahrhunderts einen weiteren Spiegel vor, den Genderspiegel. Köstlich, wenn im Buch von „Programmstrickerinnen“ und vom „Programmieren von Strickmustern“ die Rede ist. Herrlich, wie sehr männliche Protagonisten sich schämen, wenn sie sich fürs Programmieren interessieren. 

Dieser Thriller ist mehr als bloße Unterhaltung. Er verpackt Zeitgeschichte und Gesellschaftskritik in einen kurzweiligen Page-Turner. Manche Intellektuelle mögen die Nase rümpfen. Ich finde es stark, wie Eschbach – weit entfernt vom Elfenbeinturm – gut recherchierte Geschichte an den Mann und an die Frau bringt. Deshalb erscheint sie mir als Pflichtlektüre gegen das Vergessen. Als Pflichtlektüre, die Spaß macht und die einen so schnell nicht loslässt. „NSA“ hängt mehr nach als so mancher historische Beitrag oder auch politische Talkrunden zum selben Thema.

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Schreiben zwischen Traum und Albtraum

BESTSELLERKOLUMNE. Spannend und geheimnisvoll soll mein Bestseller sein, ein echter Page-Turner, den ich erst aus der Hand lege, wenn ich ihn ausgelesen habe.

Danach warte ich auf, nein schreibe ich direkt selbst meinen nächsten Bestseller. Um das zu schaffen soll das Page-Turnen bitte schon beim Schreiben einsetzen, sonst werde ich wohl nie über die ersten dreißig Seiten hinauskommen.

Beim Lesen und beim Schreiben soll mein eigener Bestseller mich zum Denken anregen. Er soll mir einen Spiegel vorhalten und existenzielle Fragen aufwerfen, die mich im Alltag nicht loslassen. Erkenntnisse will ich daraus gewinnen, mich persönlich weiterentwickeln und natürlich auch meine Schreibfertigkeit verbessern.

Schon während des Entstehens soll der Bestseller zu meinem Lieblingsbuch avancieren. Nicht nur, weil er mich bald reich macht, sondern weil sein Inhalt mich berührt, weil die geschaffene Welt und die Figuren darin mich faszinieren, weil ich nicht genug von davon kriegen kann, das Buch immer wieder lesen muss, bis ich es in- und auswendig kenne.

Zu dumm, dass ich den Inhalt schon daher beten kann, bevor die erste Zeile auf Papier steht. Auch über die Figuren weiß ich mehr, als alle Leser zusammen jemals erfahren werden. Noch vor dem Druck kommen die tollen Erkenntnisse mir abgenutzt vor. Auch die Geheimnisse in dem Buch wirken in meinen Augen alles andere als geheimnisvoll. Schließlich wusste ich das alles schon beim Plotten.

Nun drängt der Verlag und langweilt mich mein Bestseller. Dreißig Seiten habe ich geschrieben, dreihundert sollen es werden. Die Langeweile nimmt zu, die Seitenzahl nicht. Jede einzelne Seite will ich auf Eis legen, ob mich das befreit? Den Verlag könnte ich vertrösten: Hier ein Interview, dort ein schickes Foto, ein paar Skandälchen gleich dazu. Spannend und geheimnisvoll werde ich sein, wie mein Bestseller.

(Foto oben: Pixabay)

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Visuelle Poesie

Auf der Suche nach „avantgardistischen“ Schreibimpulsen bin ich neulich auf Eugen Gomringer und die konkrete Poesie gestoßen.

Auf der Treppe sitzend, mit Notebook auf dem Schoß, habe ich Gomringer-inspiriert ein wenig herum probiert. Mal wollten die Buchstaben hoch hinaus, mal ging es mehr abwärts, immer voll im kreativen Flow.

Die entstandenen ‚Treppengedichte‘ sind zwar mehr Design als Dichtung, aber – wer weiß – vielleicht und hoffentlich inspirieren sie manche Leser*in zu neuen Texten und Kreationen …  

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