Julie Otsuka: Wovon wir träumten

REZENSION. Die Geschichte über Japanerinnern, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts in die USA auswanderten, ist komplett in der Wir-Form geschrieben. Diese permanente Wir-Form auf gut 160 Seiten macht den Roman einzigartig und irritierend. Gab es Japanerinnen damals nicht als Einzelpersonen? Aus wessen Sicht nicht und warum nicht? Die Antworten finden sich in der Geschichte. 

Abweichend von den Lobeshymnen zum 2012 veröffentlichten Roman empfand ich durch die ständige Wir-Form mehr Distanz zu den handelnden Figuren. Sie erschienen mir beliebig. Als Leserin lebte und fühlte ich – zunächst – weniger mit. Denn erst das Schicksal eines Individuums packt mich – so dachte ich, während ich den ersten Teil des Buches las. 

Dann las ich, wie das Japanische Kollektiv in den USA zunehmend bedroht wurde. In unzähligen Aufzählungen zeigt die Autorin, wie die Japanerinnen und ihre Familien jeweils damit umgingen. Einerseits nervten mich die vielen Aufzählungen und Wortwiederholungen und ich war geneigt, ganze Seiten nur noch zu überfliegen. Andererseits entwickelte die Aneinanderreihung von Einzelschicksalen einen Lesesog, der mich durch die schlaflose Nacht trug. 

Am nächsten Morgen war das Buch ausgelesen. Das Schicksal dieser Japanerinnen und ihrer Familien und die Gleichgültigkeit der anderen hingen mir nach und ich musste recherchieren, was damals wirklich passiert ist. Fündig wurde ich auf Wikipedia, wo auch dieser Roman und seine Autorin fundiert beschrieben werden. Tatsächlich beschreibt der Roman ein Stück Amerikanischer Geschichte, von dem ich bislang nichts wusste, auch wenn ich es hätte ahnen können. Zurück bleibt ein trauriges Gefühl, Mitgefühl mit diesen Menschen und mit Menschen auf der ganzen Welt, die aus den verschiedensten Gründen dachten, eine neue Heimat gefunden zu haben. 

Es heißt „Geschichte wiederholt sich“, doch ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass wir aus der Vergangenheit lernen, um die Fehler der Vergangenheit eben nicht zu wiederholen. Um aus der Vergangenheit lernen zu können, brauchen wir Bücher wie Otsukas „Wovon wir träumten“. Das Buch sollte Schullektüre sein, vor allem in den USA und in den zunehmend autoritär wählenden Regionen Europas.

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Jannechie

Nennt mich gerne Janny oder Jo, meine Pseudonyme wechseln je nach Genre. Schreiben ist neben Lesen meine Leidenschaft, die im Teenie-Alter mit Tagebuch begann, meine Selbstzweifel infolge eines Schul- und Sprachwechsels kaum überlebte und durch ein Zeitungspraktikum wiederbelebt wurde. In Schreibwerkstätten lernte ich das Handwerkszeug. Seitdem habe ich viel geschrieben und einiges veröffentlicht. Je nach Laune und Erfordernis schreibe ich fiktiv, journalistisch, lyrisch oder belletristisch - egal was, es macht mir einen Riesenspaß.

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