REZENSION. Wie hat dieses Debüt mit einer mir unsympathischen Hauptfigur mich dazu gebracht, zwei Nächte hintereinander mehr zu lesen als zu schlafen? Auf 240 Seiten erzählt sie von ihrem Vorstadtleben in einem Traumhaus mit Traumfamilie und Traumjob. Dabei zieht sie die Leserschaft tief in ihre Gedankenwelt hinein und gibt Einblicke, die zunehmend Risse in die perfekte Fassade reißen. Es sind diese Risse, die mich fesselten und immer wieder erstaunen ließen.
Der Roman erzählt im Präsens aus der Sicht einer Ehefrau, die mit ihrem Leben rundum glücklich sein könnte. Sie hat einen gutaussehenden, erfolgreichen Ehemann, den sie über alles liebt. Hinzu kommen drei Kinder, die sich gut vertragen, ein sicherer Lehrerinnen-Job und ein Nebenjob als Übersetzerin. Sie wohnen in einem gepflegten Vorort in einem schönen Haus und sie kann shoppen, ohne aufs Geld zu achten.
Das Innenleben der Ich-Perspektive nimmt mehr Raum ein, als ich es von anderen Ich-Erzählungen her kenne. Alle anderen Figuren, auch „ihren Mann“, betrachtet die Protagonistin aus der Distanz. Beim Lesen bist du also die ganze Zeit in der Gedankenwelt dieser Frau gefangen, deren Unzufriedenheit und Handlungsweisen schwer nachvollziehbar sind. Kinder hat sie nur ihm zuliebe. Nur wegen ihm verhält sie sich so, wie eine gute Mutter sich verhalten sollte. Das fällt ihr schwer und es nervt sie. Auch mit Freunden trifft sie sich nur ihm zuliebe. Viel lieber wäre sie mit ihm allein auf einer einsamen Insel. Ihr ganzes Leben scheint sich nur um ihn zu drehen.
So nach und nach zeigt die Fassade dieser liebenden Ehefrau Risse. Es sind diese Risse und was aus ihnen wird, die mich haben weiterlesen lassen, auch wenn die Protagonistin mit ihren krankhaften Hyperanalysen nervte. Und dann reißt die Fassade ein und du kannst kaum glauben, was du liest, auch wenn alles logisch und nachvollziehbar erscheint. Alles hat so unschuldig begonnen und nun denkst du, das Drama ist nicht mehr zu toppen. Und du fragst dich, wie die Autorin das Ganze doch noch toppt und zuletzt kommt alles anders, als du es dir gedacht hast – wow!
Ist der Roman ausgelesen, wirkt er auch noch nach – zumindest bei mir. Beim Spaziergang fragte ich mich, wie Liebende sich so sehr voneinander entfremden können. Ich tippe auf eine gestörte Kommunikation des literarischen Paares. Statt Probleme anzusprechen sucht die Protagonistin für sich allein nach Lösungen. Alles wird für sich verarbeitet statt gemeinsam. So wird die Distanz zwischen den beiden immer größer, es sei denn … Nein, ich spoilere hier jetzt nicht. Lest selbst, vor allem das Ende lohnt sich ;-)
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