Mit Fight & Write innen und außen stark

INTERVIEW. Fight & Write (F&W) – die Kombi aus körperlicher Selbstverteidigung und Kreativem Schreiben im VHS-Programm klang für mich so speziell, dass ich mehr darüber erfahren wollte. Kursleiterin Mailin Rieck erklärte, dass es beim F&W unabhängig von Alter, Kraft und Fitness darum geht, Mut zu fassen, Grenzen zu ziehen und Ideen frei fließen zu lassen. In ihren Workshops kannst du herausfinden, wie stark du bist, mit deinem Körper beim Kämpfen und mit deinen Worten beim Schreiben. Die Mischung aus Action und Nachdenken macht ihre Kurse und Workshops spannend und lebendig. Neugierig? Dann lese im Interview, warum ihr Konzept bei Jugendlichen und Erwachsenen gut ankommt.

Jannechie: Wie bist du auf die Idee gekommen, die Gegensätze des körperlichen Kämpfens mit dem doch eher kopflastigen Schreiben zu verbinden? 

Mailin: Die Idee hört sich nur gegensätzlich an, tatsächlich gibt es viele Überschneidungen bei dem, was Schreib- und Kampftrainer*innen ihren Teilnehmenden jeweils vermitteln. In beiden Disziplinen geht es darum, einen eigenen Standpunkt zu vertreten – im Kampfsport mit Körpereinsatz, beim Schreiben mit Worten. Dabei hilft es sehr, eigene und fremde Gedanken zu lesen und Gruppendynamiken erkennen zu können. Auch das übe ich jeweils mit meinen Teilnehmenden. Und sowohl im Kampfsport als auch beim Schreiben brauchst und entwickelst du Kreativität und Intuition. 

Jannechie: Wer profitiert von deinem Angebot am meisten?

Mailin: Alle, unabhängig von Alter, Geschlechtsidentität, Fitness, Lebenssituation, Herkunft. Alle Teilnehmenden können hier ihre körperliche und sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten entdecken und erweitern. Sie lernen Grenzen zu setzen und auf ihr Bauchgefühl zu hören.

Von den Kursinhalten und dem Wechsel zwischen körperlichen Übungen, Reflexion und Schreibsessions profitieren zurückhaltende Menschen ebenso wie Extrovertierte. Bei allen kommt im Laufe des Kurses Mut zum Vorschein. Grundsätzlich ist der bei uns allen vorhanden, bei vielen anfangs nur versteckt. 

Zwar mache ich aus den Teilnehmenden weder Kämpfer*innen noch Bestsellerautor*innen, aber ich vermittele das Wissen, dass sie es grundsätzlich können, wenn sie es wollen.

Jannechie: Gibt es Beschränkungen hinsichtlich des Alters und der Fitness? Wie profitieren eher unsportliche, bewegungsfaule Teilnehmende?

Mailin: Sämtliche körperlichen Übungen beim F&W haben zum Ziel, sich mit minimalem Einsatz selbst behaupten zu können. Im körperlichen Teil vermittle ich deshalb nur Techniken, für die Kraft, Beweglichkeit und Kondition nicht notwendig sind. Viele Senior*innen und Menschen mit Einschränkungen konnten somit erfolgreich bei mir teilnehmen. Beim F&W sind alle Menschen ab acht Jahren willkommen. Acht Jahre, weil wir ab diesem Alter in der Regel sicher genug mit Worten umgehen können. 

Jannechie: Bei einer Literaturveranstaltung hörte ich neulich, viele Jugendliche, vor allem Jungs, lesen und schreiben viel zu wenig. Wie kann F&W mehr junge, eher schreibfaule Menschen fürs Lesen und Schreiben begeistern? 

Mailin: Durch die Kombination von Fight mit Write ist dieses Konzept auch interessant für Personen, die weniger schreib- und dafür mehr kampf- und sportbegeistert sind. 

Bei den Schreibsessions in meinen Workshops geht es nämlich nicht um Perfektion, sondern darum, die Kreativität frei laufen zu lassen. Das Schreiben zielt auf Kreativität statt auf Orthographie und Grammatik. Gezielte Schreibimpulse tragen dazu bei, aus Jugendlichen Kreativität und Ideen herauszukitzeln, sodass Fantasien und Ideen von alleine kommen. Bislang gab es in meinen Kursen und Workshops nicht eine Person, die keine brillante Story auf Papier gebracht hat, auch wenn sie anfangs vielleicht skeptisch war.

Jannechie: Mit welchen Anliegen buchen dich Schulen?

Mailin: Meistens werde ich für Projekte und Projektwochen gebucht. Häufig mit dem Ziel, das Teamgefühl in den Klassen zu stärken, Stichwort Gruppendynamik und Peer-Pressure. Oft geht es auch um Prävention, vor allem in sozialen Brennpunkten. Ziel ist es, Gefahren frühzeitig zu erkennen und zu wissen, an wen die Schüler*innen sich im Ernstfall wenden können. Für Grundschulkinder wird in diesem Zusammenhang gern auch ein Heimwegtraining angefragt. 

Jannechie: Und wo bietest du F&W Erwachsenen und älteren Semestern? Welche Institutionen buchen dich und warum? 

Mailin: Tatsächlich habe ich an Schulen auch mal nur mit den Lehrkräften trainiert und geschrieben. Auch der „Bund gegen Rechts“ hat mich für seine Aktivist*innen gebucht, die Stadtverwaltung, das Jugendamt, einige Volkshochschulen. Bei den Workshops für Erwachsene geht es oft darum, Teamgeist und Resilienz zu stärken. Um innere Ruhe und Kraft, trotz Termindruck. 

Darüber hinaus war ich in Frauenhäusern aktiv, ebenso in Bars für Homosexuelle, um den vielen Übergriffen etwas entgegenzusetzen. Hier ging es um sichere Räume und Bystander-Training. Letzteres befähigt Menschen dazu, in diskriminierenden, problematischen Situationen aktiv einzugreifen. Wir üben gemeinsam, wie man angemessen, sicher und solidarisch bei Diskriminierung, Gewalt oder Übergriffen reagiert, ohne sich selbst oder andere zu gefährden. 

So unterschiedlich wie die Institutionen, die mich buchen, gestalte ich auch meine Kurse. Ich gehe gern auf Wünsche ein. Alles kann ich individuell auf die Bedürfnisse in der jeweiligen Institution abstimmen, Abläufe umstellen und um weitere Inhalte ergänzen.

Jannechie: Was war dein schönstes F&W-Erlebnis?

Mailin: Das war in einem Frauenhaus in Berlin. Dort hatten meine Teilnehmerinnen und ich extreme Sprachbarrieren zu überwinden. Jede hat in der eigenen Muttersprache geschrieben und mit Stimme, Händen und Füßen in der Runde vorgelesen. Allein dadurch entstand schon ein besonderes Miteinander. Mimik und Gesten und ein Übersetzungstool trugen zum Verstehen bei, vor allem aber die Motivation der Frauen, ihre Freude und Dankbarkeit. Der Satz einer Teilnehmerin, auf Arabisch vorgetragen, dann mit Online-Translator übersetzt, macht mir noch heute eine Gänsehaut: „Mein Zuhause ist überall, wo ich mich sicher fühle.“ Diese Frauen sind durch die Hölle gegangen, doch hier fühlten sie sich sicher und konnten sogar wieder lachen.

Jannechie: Wie geht’s für die Teilnehmenden weiter nach dem Workshop?

Mailin: Nachsorge ist sehr wichtig. Die Teilnehmenden erreichen mich deshalb auch nach Ablauf des Workshops jederzeit, wenn sie Fragen haben oder nochmal drüber sprechen wollen. 

Zudem lasse ich mir immer wieder mal etwas Neues einfallen. Manchmal lasse ich die Teilnehmenden einen Brief an sich selbst schreiben, den ich ihnen dann Monate später zuschicken. Aus den im Workshop geschriebenen Texten ist auch schon manch ein Büchlein entstanden. Es erinnert die Teilnehmenden daran, was sie an dem Wochenende geschafft haben, dass sie an sich und ihre Fähigkeiten glauben dürfen.

Jannechie: Und wie geht es für dich weiter? Hast du weiterführende Ideen? 

Mailin: Ich wachse mit meinen Teilnehmenden. Seit ich meinen Trainerschein zu Achtsamkeit und Resilienz habe, nehme ich Elemente aus diesen Fortbildungen mit in die Workshops und ergänze das Angebot um die mentale Komponente. Für ganzheitliche Stärke von innen nach außen. Das Wissen hilft auch mir, nochmal einen viel stärkeren Blick auf die Workshop-Teilnehmenden zu haben und ihre Bedürfnisse zu erkennen.

10. Im Vorfeld war ich nur neugierig, jetzt hast du mich überzeugt. Wie könnte ich als Privatperson mal bei einem deiner F&W-Workshops teilnehmen? 

Mailin: Melde dich an, wenn mich mal wieder zum Beispiel eine Volkshochschule gebucht hat. Dazu kannst du beitragen, indem du dort meine Workshops empfiehlst :-) Ansonsten werde ich mit F&W hauptsächlich firmenintern oder institutionell für ganze Teams gebucht. Wende dich gerne an deine Arbeitgeber*innen, dort gegebenenfalls an die Personalentwicklung, wenn du Lust auf einen F&W-Kurs in deinem Arbeitsumfeld hast. Hier erreichst du mich: www.fightandwrite.de, Email: hallo@fightandwrite.de, Telefon/Whatsapp: 0176 31711328.

Es ist mir eine Ehre, nun auf deinem Blog zu sein. Ich habe mich sofort mit dir wohlgefühlt. Ich danke dir sehr für dein Interview und die tollen Fragen, liebe Janny.

Jannechie: Auch meinerseits danke für den netten Austausch. Ich halte dein F&W-Workshop-Angebot für absolut sinnvoll und wichtig, es sollte viel mehr Beachtung finden. Deshalb hoffe ich, mit unserem Interview dazu beizutragen, dass viel mehr Menschen dein Angebot kennen und nutzen.

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Jannechie

Nennt mich gerne Janny oder Jo, meine Pseudonyme wechseln je nach Genre. Schreiben ist neben Lesen meine Leidenschaft, die im Teenie-Alter mit Tagebuch begann, meine Selbstzweifel infolge eines Schul- und Sprachwechsels kaum überlebte und durch ein Zeitungspraktikum wiederbelebt wurde. In Schreibwerkstätten lernte ich das Handwerkszeug. Seitdem habe ich viel geschrieben und einiges veröffentlicht. Je nach Laune und Erfordernis schreibe ich fiktiv, journalistisch, lyrisch oder belletristisch - egal was, es macht mir einen Riesenspaß.

3 Kommentare zu „Mit Fight & Write innen und außen stark“

    1. Liebe Mailin, danke für die lieben Worte. Du hattest sie als öffentlichen Kommentar geschrieben, nur suche ich noch nach der Systemeinstellung, durch die Kommentare für alle sichtbar werden. So oder so freue ich mich sehr über deinen Kommentar und hoffe, dass wir uns bald bei einem Fight & Write Workshop wiedersehen :-)

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